MADONNA IM OLYMPIASTADION BERLIN – DONNERSTAG, 28. AUGUST 2008



















„Neues Album – neue Show“ diesem altbewährten Motto scheint auch Madonna weiter zu folgen und besucht über Monate verteilt Europa, Nord- und Südamerika, um Songs aus ihrem aktuellen Album „Hard Candy“ live vorzustellen. Dass dabei auch - nach längerer Pause - Berlin wieder einmal auf dem Tourplan stand, erfreute neben dem hitparade.ch-Reporter weitere 50.000 Konzertbesucher, die auffallend auch aus den östlichen Bereichen des Kontinents kamen. Ich hörte russische, polnische und natürlich sächsische Stimmen. Aber selbstverständlich vor allem die der mittlerweile 50jährigen „Queen Of Pop“.

Wie immer muss man sagen, dass es sich bei Madonnas Konzerten im engeren Sine gar nicht um solche handelt, sondern einfach nur um Mega-Shows. Und als solche habe ich sie auch genossen. Die schwedische Sängerin Robyn als Aufwärm-Act zu gewinnen, dürfte die erste gute Entscheidung von Frau Ciccone gewesen sein, die nächste lag bei der Auswahl der Tänzer und Tänzerinnen, eine dritte bei der der Songs. Lange hatte ich mir gewünscht einmal Songs wie „Into The Groove“ oder „Like A Prayer live zu sehen – an diesem Donnerstag-Abend sollte dieser Wunsch in Erfüllung gehen. Doch zurück zu Robyn: Selten sieht man einen Support-Act, der die Massen schon so begeistern kann, auch wenn die Zuschauer, die Sitzplätze auf den Rängen hatten, sie verpassten, weil sie erst sehr spät in das Rund fanden. Ich dachte schon, so viele freie Plätze.....

Vielleicht hat die Queen auch deshalb so lange gewartet, bis mit einer etwa dreiminütigen Videoeinspielung, in der ein überdimensionaler Bonbon („Sweet“) durch ein Labyrinth rollte, das Spiel („Game“) beginnt. C-A-N-D-Y wird mit großen Lettern geschrieben, die Tänzer erscheinen auf der Bühne, Songfetzen heizen die Spannung zusätzlich an – „tic tac“ / „where’s the party“ – und dann endlich wird ein überdimensionaler „Stuhl“ in die Bühne gedreht, auf dem SIE thront – die kürzlich 50 Jahre alt gewordene Madonna.

Mit dem Opener „Candy Shop“ beginnt ein fast zweistündiger non Stopp Auftritt, in dem kein Besucher gezwungen ist sich zu langweilen, nur weil der Star des Abends einmal die Bühne verlassen muss. Solche Pausen werden hier durch sogenannte Interludes – also Videoeinspielungen – überbrückt. Doch zunächst muss Madonna sich ihre erste Pause mal verdienen. Sie tut dies u. a. mit „Beat Goes On“, einem von Kanye West coproduzierten Song, in dessen Verlauf der Meister über eine Videoeinspielung sogar mit am Konzert teilnimmt. Damit beantworten sich bereits Fragen des Konzertbesuchers, wie etwa wohl „4 Minutes“, das ja eigentlich ein Duett mit Justin Timberlake ist, live umgesetzt werden könnte. Doch dazu später mehr. Zunächst einmal fährt ein typischer Ami-Schlitten auf die Bühne, den Madonna gekonnt als Garderobe zum Umziehen nutzt.
Die Stimmung im weiten Rund ist eigentlich von den ersten Takten an mehr als gut. Liegt es daran, dass ich dieses Mal einen Platz so weit vorne ergattern konnte?

Erstaunlich textsicher wird mitgesungen und auf den Gängen der Ränge sehe ich kunstvoll tanzende Fans. Mit ihrer neuen Stilrichtung hat Madonna scheinbar den Nerv des Berliner Publikums getroffen. Dass es sich aber dabei nicht um vorwiegend HipHop orientierte Zuschauer handelt, sieht man schon beim nächsten Song – „Human Nature“ – einem Titel aus einem ihrer weniger erfolgreichen Alben - „Bedtime Stories“. Spärlich instrumentiert und ohne viel Aufwand an Tanzeinlagen steht Madonna mit Zylinder und Gitarre bewaffnet am Mikrofon und singt. Interessante Bilder allerdings laufen über die Videowall: Britney Spears, u.a. eingesperrt in einem Fahrstuhl, darf am Ende dieser Sequenz die berühmten Worte: „It’s Britney bitch“ sagen.... Die

Fans singen lauthals mit. Es folgt „Vogue“ – einer der Kultsongs in Madonnas treuester Fangemeinde. Und tatsächlich, wenn man sich mal bewusst umschaut, wird einem plötzlich klar, wie viele Männer hier im Innenraum sind und wie gering der Frauenanteil ist.....
Interessant an der Vogue-Umsetzung: die verwendeten Samples aus „4 Minutes“, die schon ganz klar zeigen, wohin sich diese Show entwickeln wird und was der Höhepunkt werden soll.

Und dann - nach einem ersten Interlude – boxende Tänzer zu „Die Another Day“ - einer der ersten ganz großen Höhepunkte dieses Abends. Madonna singt tatsächlich „Into The Groove“. Dieser Titel ist dafür verantwortlich, dass ich ihre Musik anfing zu lieben.
In 1985 sah ich sie am Fernseher beim Live Aid mit eben diesem Song und danach lief er ständig auf meinem – damals noch – Kassettenrekorder. Und nun also hier im Konzert. Einige Konzertbesucher wundern sich immer, dass Madonna ihre alten Hits neu abmischt, aber wer kann es ihr verdenken. Wer singt schon seit fast 25 Jahren ständig die gleichen Lieder?
Begleitet wird der Song durch eine ziemlich anspruchsvolle Choreographie. Madonna singt und turnt mit Springseilen, dazu tolle Bilder auf der Videowall. Wieder einmal enttäuscht mich mein früher Madonna-Lieblingssong nicht. Nach diesen Anstrengungen muss Madonna „wiederbelebt“ werden, ein großes EKG zeigt ihren Herzschlag an – und als sie wieder auf den Beinen steht, folgt? Natürlich „Heartbeat“.

Dann sind wir in einem Abschnitt, der irgendwie auch wie eine Abrechnung mit ihrer frühen Karriere gestaltet ist. Bei „She’s Not Me“ laufen Videosequenzen aus diversen Madonna-Videos auf den Bildschirmen und auf der Bühne stehen die Tänzerinnen in legendären Kostümen aus vergangenen Madonna-Tagen. Sie zerstört diese, indem sie z.B. der 85er „Like A Virgin“-Braut den Schleier entreißt. Man mag ja sagen, dass sie während ihrer Konzerte unnahbar und abgehoben ist. Ich bestaune jedoch jedes Mal auch ihren Humor, dessen Ziel auch sie selbst sein kann.

Nach weiteren Titeln eine erneute Interlude-Unterbrechung. Aber was für eine! Thema “Rain“ – dazu muss man wissen, dass es während des Vorprogramms von Robyn einen kurzen Regenschauer gab und die Zuschauer immer wieder bangend aber auch hoffend in den Himmel starrten, ob die Wolken nur wegen der einsetzenden Dunkelheit so grau aussahen oder ob sie tatsächlich diesen Abend verwässern wollten. Ironischerweise verwendet das Interlude dann auch Samples aus „Here Comes The Rain Again“ von den Eurythmics – aber zu unser aller Glück kam er nicht wieder. Es mündet alles in einem großen Gewittergrollen und plötzlich Ruhe
und Madonna schlägt ganz ruhige Töne an – „Devil Wouldn't Recognize You“. Sie ist dazu in einem von Videoanimationen überlaufenen Käfig gefangen, trägt wallende Kleider. Aus beiden wird sie während des Songs befreit und das ganze geht über in einen mehr oder weniger Folklore-Teil – „Spanish Lesson“, „Miles Away“ und natürlich „La isla bonita“. Die „isla“ ist mit Madonna, ihren Tänzern und einer rumänischen Gipsy-Band bevölkert, die ihren ersten Nummer-1-Hit in Deutschland in locker fröhlicher Weise darbieten. Die Stimmung erreicht ihren Höhepunkt, als Die Gruppe „Lela pale tute“ vorträgt und Madonna mit ihrem Team ausgelassen dazu tanzt. Ich fand es beeindruckend und keineswegs nervend. Auch musste ich keine „Zigeunermusik über mich ergehen lassen“, wie es am Tag danach einige Zeitungen ihren Lesern mitteilten.

Und dann plötzlich ein Stimmungswechsel – Madonna setzt sich auf einen Hocker und spricht tatsächlich zum Publikum. Sie sagt, es sei ein Mann im Publikum, der ihr vor 25 Jahren ihren ersten Plattenvertrag gab und sie widmet ihm dankend den nächsten Song: „You Must Love Me“ aus „Evita“. Es ist sehr ruhig in der Arena, einige Zuschauer haben Tränen in den Augen und ich denke „Yes we love you....“ und tatsächlich gibt es Rufe aus dem Publikum, die genau das sagen. Für mich der eindrucksvollste Moment des gesamten Konzerts, auch wenn ich das Lied eigentlich nicht besonders mag. Dann wieder abrupter Wechsel. Eine erneute Unterbrechung:

Die mittlerweile in den Medien vieldiskutierte Videosequenz zu „Get Stupid“. Madonna singt und in ziemlicher schwarz-weiß-Malerei werden gut und Böse gegenübergestellt. Hier Diktatoren und ihre Verbrechen, Konzentrationslager, geschlagene tibetische Mönche, islamische Gotteskrieger, Umweltzerstörung, Hunger, Krieg und McCain – und da auf der anderen Seite Mandela, Gandhi, Desmond Tutu, Bono, Bob Geldof, Al Gore, Angela Davis und zu den Worten „Let’s Go“ schließlich Barack Obama. Wenn sie das im US-Teil der Tour in der dann heißen Phase des Wahlkampfs so umsetzt, ist es schon mehr als provokant – aber auch eine klare persönliche politische Aussage.

Die Show nähert sich ihrem Höhepunkt. „4 Minutes“, „Like A Prayer“, „Like A Virgin“, „Hung Up“, „Give It 2 Me“ – GAME OVER.
Selbst Justin Timberlake ließ es sich nicht nehmen bei diesem Konzert anwesend zu sein, um mit der Queen den gemeinsamen Hit zu singen, wenn auch nur über sich bewegende Videowände. Fand ich eine sehr geschickte Umsetzung. So wirkte es wirklich, als würde Madonna mit ihm im Duett singen und er dazu sogar noch tanzen, wenn sich die Walls bewegten. Die Stimmung ist jetzt auf einem vorläufigen Höhepunkt, immerhin ist dies der bekannteste Song aus dem Album und seit über 20 Wochen in den deutschen Single-Charts. Hätte auch gut als Finale gedient. Aber der Fan freut sich, dass noch nicht das Ende der Show gekommen ist.

Während „Like A Prayer“ (das nächste meiner klassischen Lieblingslieder – auch hier werde ich nicht enttäuscht) blendet man religiöse Sprüche in verschiedenen Sprachen ein – hebräische, arabische, englische... und alles endet mit Worten der Propheten wie Jesus, Buddha, Mohammed und in den Gottesbezeichnungen Shiva, Allah, Elohim, Lord, Bhagvan und den Worten „Aus dem Licht kommen wir und zu ihm kehren wir zurück“. Eingeleitet und unterstützt wird der Song durch Samples, die mich sehr an Cappellas „U Got 2 Let The Music“ erinnern. Überhaupt verwendet sie etliche Samples, so neben den bereits erwähnten auch „Last Night A DJ Saved My Life“ bei „Music“. Ist das nun geklaut (wenn auch bezahlt) oder zeigt es einfach nur die Wertschätzung der Arbeit anderer Künstler? Mein Lieblingssample aus ABBAs „Gimme, Gimme...“ geht leider in einem Übergewicht an Bassgitarren während „Hung Up“ unter. Mein momentaner Lieblingssong von Madonna muss mich so einfach enttäuschen. Auch hier eine interessante Videoanimation – ein Schachbrett und Madonnas Ankündigung: „In exactly 29 moves the queen will tumbling the king“.... und das passiert dann auch „time goes by...“. Jeder weiß, dass damit das (Schach-)Spiel zu Ende ist, doch die Show geht noch etwas weiter.

Zu ihrem Finale hat sich die Queen dieses Mal ihre aktuelle Single „Give It 2 Me“ auserkoren. Noch einmal tanzt sie ausgelassen mit ihrer ganzen Truppe über die Bühne, bis – ja bis plötzlich auf der Leinwand „GAME OVER“ erscheint und im weiten Stadionrund das Licht angeht. Nur Madonna-Neu-Konzertgänger sind enttäuscht, dass es keine Zugaben gibt...

Alle gehen gut gelaunt auf die Ausgänge zu, um sich an diversen Getränke-, Imbiss- und Souvenirständen wieder zu begegnen – „give it 2 me – yeah – no one’s gonna stop me – now“. Ich sehe wirklich nur glückliche Gesichter, denn es war ein rundum gelungener Abend. Madonna selbst bewegt sich zu dieser Zeit mit einer großen schweren Limousine schon auf den Flughafen Schönefeld zu, wie wir am Tag später erfahren, denn völlig verschwitzt passiert sie noch vor 24 Uhr die Sicherheitskontrollen um in ihrem Privatjet gen London zu entschwinden – derweil geht die Party auf dem Gelände des Olympiastadions weiter – YEAH.

Auch wenn der Abend rundum gelungen war, die „Confessions-Tour“ von 2006 konnte nach meinem Eindruck nicht erreicht werden. Vielleicht lag es auch nur daran, dass es damals für mich das erste Mal mit Madonna war ;) – aber wie heißt ein schönes altes Sprichwort: Alle guten Dinge sind drei. Nun denn....
Hannes

Linktipps:
Discographie von Madonna
Offizielle Seite

Australien Belgien Dänemark Deutschland Finnland Frankreich Italien Neuseeland Niederlande Norwegen Österreich Portugal Schweden Spanien Suisse Romande
english
LOGIN
PASSWORT
Passwort vergessen?