GURTENFESTIVAL 2017











Alles beim Alten – und doch so vieles neu


Wenn Céline Dion im Berner Stade de Suisse spielt, 80'000 Musikbegeisterte aber ans andere Ende der Hauptstadt pilgern, dann kann nur etwas auf dem Programm stehen: Das Gurtenfestival! Imagine Dragons, Macklemore & Ryan Lewis, Beginner, Fritz Kalkbrenner oder die Lokalmatadoren Züri West und Lo & Leduc sorgten dieses Jahr auf dem Berner Hausberg für Stimmung. hitparade.ch war für Euch am Samstag mit dabei.


17 Jahre ist es her, seit ich zum letzten Mal oben auf dem Gurten stand. Damals spielten die Pet Shop Boys, Iggy Pop, Moby, The Wailers und ein paar wenige einheimische Acts wie Lunik, Michael von der Heide oder Florian Ast. Ein Tagesticket kostete knapp 60 Franken, die Zeltbühne hiess noch East Stage und übernachtet wurde direkt auf dem Festivalgelände. Zwischenzeitlich hat sich einiges geändert: Den Tagespass gibt es für stolze 95 Franken, gezeltet wird ausschliesslich ausserhalb des eigentlichen Geländes, und zum allerersten Mal findet das Festival von Mittwoch bis Samstag statt. Die erfreulichste Neuerung: Wohl noch nie standen so viele Schweizer Musikschaffende auf den Bühnen des Gurten wie dieses Jahr.

Gemütlich spaziere ich am Samstagnachmittag vom Berner Hauptbahnhof durch das Montbijou-Quartier nach Wabern zur Talstation Gurtenbahn und freue mich, nach so langer Zeit wieder einmal hier Gast sein zu dürfen - Einer von sehr vielen Gästen, denn zum ersten Mal ist der Gurten an allen Tagen und in allen Ticket-Kategorien restlos ausverkauft. Dass die Kapazität des Berges ausgereizt ist, zeigt sich gegen Abend: Obwohl bis spät in die Nacht kaum Betrunkene zu sehen sind, wünscht sich wohl so mancher Besucher spätestens beim Anblick der langen Warteschlangen vor den WC-Anlagen, dass er doch auf das eine oder andere Bier verzichtet hätte.

Einer, der die Veränderungen auf dem Gurten aus einer anderen Perspektive verfolgen durfte, ist Seven. Vor genau zehn Jahren feierte er sein Gurten-Debut und trat hier in der Folge weitere drei Male auf. Nun steht er also wieder auf der Hauptbühne und eröffnet punkt sieben Uhr abends sein eineinhalbstündiges Set, und damit seine neue Tournee und die Plattentaufe des vor einer Woche erschienenen Albums "4Colors". Der Aargauer ist mittlerweile zweifelsohne der erfolgreichste Schweizer Soul-Export mit gut besuchten Konzerten in mehreren europäischen Ländern, und trotzdem genoss er das Heimspiel auf dem Gurten sichtlich. Mitreissende Funk-Nummern wechseln sich ab mit ruhigerem Soul, und immer wieder entsteht Bezug zu Dankbarkeit, Bescheidenheit und Menschlichkeit, die uns allen am Herzen liegen sollten.

Voller Dankbarkeit sind wohl auch die kanadischen Walk Off The Earth, eine von grossen Labels unabhängige Musikertruppe, die im Januar 2012 praktisch über Nacht zu einem internationalen Top Act wurde. Eher aus Spass produzierten sie damals zuhause im Wohnzimmer mit einer Handykamera ein Video, auf dem sie Gotye feat. Kimbra's "Somebody That I Used To Know" zu fünft auf nur einer Gitarre spielend coverten. Bereits nach wenigen Wochen erhielt das Video auf YouTube über 100 Millionen Klicks und erzielte damit eine Viralität, von der jeder Künstler nur träumen kann. Der Rest ist Geschichte. Alle fünf Bandmitlieder kündigten ihre Jobs (zwei waren Verkäufer von WC-Schüsseln). Viele weitere Covers wurden produziert, zwei eigene Alben herausgegeben und mehrere internationale Tourneen standen auf dem Programm. Erste Station ihrer aktuellen Europa-Tournee ist der Gurten. Auf der Bühne wird nicht nur abwechslungsreicher Sound geboten, sondern vor allem mitreissende Unterhaltung. Walk Off The Earth wird auf der Bühne von zwei weiteren Musikern unterstützt, oft werden auch Crew Member für Showeinlagen eingesetzt und vermutlich über 100 verschiedene Musikinstrumente verwendet, vom Didgeridoo über die Ukulele, verschiedenste Blasinstrumente bis zum Theremin, dem wohl einzigen Instrument, das nicht berührt werden muss, um darauf spielen zu können. Ed Sheerans "Shape Of You", Pharrell Williams "Happy" und Adeles "Hello" werden auf originelle Weise gecovert, dazwischen immer wieder eigene Songs gespielt. Gegen Ende verlässt die Band die Bühne, einzig Mike Taylor "The Beard Guy" bleibt, um auf dem Piano in ganz klassischer Weise "Bohemian Rhapsody" zu intonieren. Das Experiment geht auf: Ein Chor von Tausenden begeisterten Zuschauern singt von Anfang bis Schluss den Song mit. Ganz am Ende des Sets spielen Walk Off The Earth selbstverständlich zu fünft auf einer Gitarre, und damit erinnern sie daran, dass es auch ohne viel Aufwand ausreicht, tolle Musik zu machen, solange die beiden Grundvoraussetzungen erfüllt sind: Kreativität und Freude.
Thomas Flach

Linktipps:
Offizielle Website

Australien Belgien Dänemark Deutschland Finnland Frankreich Italien Neuseeland Niederlande Norwegen Österreich Portugal Schweden Spanien Suisse Romande
english
LOGIN
PASSWORT
Passwort vergessen?