INTERVIEW MIT VILLE VALO VON HIM



Nach zweijähriger Konzertabstinenz beglückten uns HIM gestern endlich wieder in der Schweiz. Vor dem ausverkauften Konzert im X-Tra Limmathaus trafen wir Sänger und Frontmann Ville Valo zu einem angenehmen und äußerst ehrlichen Gespräch.

hitparade.ch: 2007 war ein ziemlich turbulentes Jahr für dich. Euer Album "Venus Doom" wurde veröffentlicht, ihr ward schier endlos auf Tour in den USA, Anfang des Jahres hast du dich von deiner Langzeitfreundin und Verlobten getrennt und zudem berichteten die Medien, dass du ein ernstes Alkohol Problem hast. Was kannst du rückblickend über das Jahr 2007 sagen?
Ville Valo: Was das Alkoholproblem anbelangt haben das nicht nur die Medien gesagt, sondern vor allem ich. Das stimmt also. Aber das Jahr war nicht so übel. Es war ein intensives Jahr mit der Veröffentlichung des neuen Albums und ich reiße mir noch immer den Arsch dafür auf. Die Zeit während der Tour und der Promotion scheint manchmal endlos. Jedes Jahr ist mal beschissen, besonders wenn man auf Tour ist und das normale Alltagsleben vermisst. Man trifft halt ständig neue, andere Leute und manche von ihnen sind ziemlich eigenartig. Aber das Jahr war nicht so schlecht, abgesehen davon, dass ich anfing zu trinken. Irgendwie bin ich aber schon froh, dass diese Zeit hinter mir liegt. Es gibt halt immer turbulente Jahre. 2002 zum Beispiel war ein sehr harter und schlechter Abschnitt für mich. Glücklicherweise gab es jedoch mehr gute als schlechte Jahre. Von daher kann ich mich nicht beklagen.

hitparade.ch: Was erwartest du von 2008?
Ville Valo: Es fühlt sich an, als ob das Jahr schon wieder vorbei ist. Ich beziehe mich sowieso nicht wirklich auf Jahre, sondern mehr auf die Zyklen zwischen und während unseren aktuellen Alben, die aufgenommen und veröffentlicht werden. Es ist ja schon fast wieder 12 Monate her, seit wir mit dem Promoten und Touren zu "Venus Doom" begonnen haben. Wir spielen heute in Zürich und noch zwei weitere Konzerte in Europa. Danach haben wir knapp eine Woche Pause, fliegen nach Australien für ein paar Shows und dann haben wir im April und Mai frei. Noch ein paar Gigs auf Festivals im Sommer in Europa und das war's vorerst. Je nach Stimmung der Band werden wir danach zusammen sitzen und an neuen Songs arbeiten, wenn alles passt und schnell neue Ideen entstehen. Zum Glück haben wir diesbezüglich keinen Druck und müssen nicht gleich wieder ins Studio, um ein neues Album rauszuknallen. Wir werden wieder Songs aufnehmen, wenn die Zeit dafür gekommen ist. "Venus Doom" hat uns wirklich viel Kraft gekostet und so was möchte ich nicht noch einmal durchmachen. In diese Richtung möchte ich wirklich nicht gehen. All diese musikalischen Einflüsse und wie die Zeit an uns vorbei raste war schlecht für die Band. Ich sehe HIM eher in einer "punkigeren" Richtung. Nicht im musikalischen Sinne, mehr in Bezug auf die Arbeit mit der Band und die generelle Einstellung zur Musik. Einfach ehrliche, einfache und gute Musik.
Das Ganze beginnt ja meistens mit einem Song, welcher als Geburt eines neuen Werkes gesehen werden kann. Wenn dieser Song kommt, geht alles von alleine. Danach folgen ein bis zwei Jahre und ein neues Album kommt zustande. Mal sehen, wann das soweit ist.
Die Tour zurzeit läuft ziemlich gut, jedoch bin ich froh, wenn das alles vorbei ist.

hirparade.ch: HIM haben hauptsächlich weibliche Fans und ich muss wohl nicht erwähnen, dass viele von ihnen besonders von dir angetan sind. Es gibt sogar Kritiker die behaupten, dass die Band HIM, ohne Ville Valo, niemals diesen Ruhm erlangt hätten. Was denkst du darüber?
Ville Valo: Man muss sich natürlich vor Augen halten, dass ich die Musik und die Texte schreibe. Zudem bin ich der Frontmann und Sänger. Klar würde sich die Band anders anhören, wenn ich nicht dabei wäre. Um ehrlich zu sein, ja, ich denke auch, dass HIM weniger populär wären, ohne mich. Ich weiß, dass ich ein guter Songschreiber bin. Aber HIM ist und bleibt nun mal eine Band. Eine Band, bestehend aus fünf Freunden, die sich schon Ewigkeiten kennen. Gerade wegen dieser langen Freundschaft, sind wir was wir sind und auch ich bin was ich bin. Auch ich bin von den anderen abhängig und könnte viele Dinge nicht machen ohne sie. Die Band ist für mich die beste Bindung, die ein Mann haben kann. Wir sind alle voneinander abhängig, aber in einer sehr positiven Art und Weise. Mir ist natürlich bewusst, dass vieles in diesem Business sehr auf Äußerlichkeiten basiert. Man darf jedoch auch mal erwähnen, dass unser Gitarrist Linde oder der Bassist Migé ebenfalls sehr viele Fans haben. Natürlich habe ich persönlich viele Anhänger/innen, jedoch bringt dies die ganze Band weiter und das ist es was zählt. In vielen Ländern besteht unser Fankreis aus fast 50-50 männlichen und weiblichen Leuten. Aber natürlich macht es uns, und wir sind alle hetero bei HIM, am meisten Spaß, vor Ladies zu spielen, da muss ich ehrlich sein. Vom musikalischen her gesehen, beschränken wir uns aber keinesfalls auf ein Geschlecht.

hitparade.ch: Im letzten Jahr hattest du einen großen Hit zusammen mit Natalia Avelon und dem Song "Summer Wine". Sind weitere solche Projekte geplant?
Ville Valo: In Wirklichkeit war es nicht ein richtiges Soloprojekt. Man hat mir Anfangs zuerst einmal von diesem Film "Das wilde Leben" erzählt und mir eine Liste mit möglichen Filmsoundtracks zur Auswahl gezeigt. Ich war schon immer ein Fan von Lee Hazlewood. Vor allem als Songwriter war er toll. "Summer Wine" gefiel mir schon immer und der Song passte auch gut zu meiner Stimme. Als ich hörte, dass die Aufnahmen in Hamburg sein werden, war der Deal für mich geritzt. Ich hatte die Möglichkeit umsonst nach Hamburg zu fliegen, gratis zu wohnen und zu feiern. Ich habe ein paar gute Freunde in Hamburg, musst du wissen. Die Aufnahmen für den Song dauerten knapp drei Stunden, der Videodreh ca. fünf. Die restlichen vier bis fünf Tage verbrachte ich mit meinen Freunden in Bars. Ich konnte mich also nicht beklagen. Ich hatte nix mit dem ursprünglichen Song zu tun, nichts mit dem Film und konnte die Zeit somit genießen. Es ist wirklich erstaunlich, was das für ein Hit wurde. Selbst in Ländern wie Griechenland, wo der Film nie gezeigt wurde, war "Summer Wine" wochenlang topplatziert in den Charts. Leider habe ich den Song nicht geschrieben und keine Rechte, ansonsten hätte ich ziemlich viel Geld damit verdient. Naja, wer weiß, vielleicht ist es im nächsten Sommer soweit.

hitparade.ch: Seit Jahren handeln Songtexte von HIM von Liebe, Tod, Schmerz, Sünde etc. Gehen dir bei diesen Themen nie die Ideen aus?
Ville Valo: Ich bin halt kein großer Fan von fröhlicher Musik. Wir in Skandinavien und speziell in Finnland hören solche Sachen einfach nicht gerne. Man kann nun mal einfach nicht über Pfannkuchen einen Song schreiben. Ich meine man isst sie, aber man schreibt keinen Song darüber. Was soll das? Ich selbst sehe Liebesbeziehungen immer noch als das monumentalste das es gibt auf der Welt. Du weißt schon, wenn man von einer Person überwältigt ist und ein neuer Mikrokosmos von Gedanken um einen entsteht. Das ist jedes Mal wie ein Märchen und man weiß nie wie es Enden wird. Das ist für mich immer wieder faszinierend. Selbstverständlich gibt es auch immer negative Aspekte, aber es ist besser diese Melancholie in Songs zu stecken, als sie im täglichen Leben mit sich rum zu tragen. Ich zumindest bin glücklich damit.

hitparade.ch: Welcher HIM-Song ist einer der wichtigsten für dich und was verbindest du mit ihm?
Ville Valo: Es gibt viele Gründe, welche sie wichtig für mich erscheinen lassen. Andererseits gibt es auch einige Songs die ich nahezu schon vergessen habe, weil sie überhaupt keine Bedeutung haben. Mit "The Funeral Of Hearts" zum Beispiel verbinde ich unseren Videodreh in Lappland und den Direktor des Videos, Stefan Lindfors. Ich habe so einen guten Freund kennen gelernt. Wir sind uns sehr ähnlich auf eine ziemlich verrückte Art und jedes Mal, wenn ich den Song höre, denke ich an unsere Freundschaft, die während diesem Videodreh entstanden ist. Viele Songs erinnern mich an bestimmte Situationen. Oft hat es gar nichts damit zu tun, in was für einem Moment ich den Text geschrieben habe, sondern mehr damit, was drum herum geschah. Auf dem neusten Album ist der Titel "Song Or Suicide" einer meiner Lieblinge. Ich habe ihn im Hotel Chateau Marmont in Hollywood geschrieben. Das war kurz bevor wir "Venus Doom" fertig stellten und kurz vor meinem Eintritt in mein Alkoholentzugsprogramm. Zu dieser Zeit war ich an meinem absoluten Nullpunkt und total kaputt. Für mich ist es sehr interessant einen solchen Song auf einem Album zu haben. Ich erinnere mich gerade an die Zeit, als ich dann wieder in Lappland war, wo ich meinen Entzug durchführte. Ich war in diesem Zimmer, oder besser gesagt, in dieser Kabine und sah morgens den ersten Schnee fallen. An solche Sachen erinnere ich mich eben auch. An Gedanken, Umstände und Eindrücke, die damals vorherrschend waren.

hitparade.ch: Auf vielen eurer Singles oder Special Editions sind akustische oder unplugged Versionen eurer Songs vertreten. Habt ihr jemals daran gedacht ein ganzes Album akustisch aufzunehmen, oder ein unplugged Konzert zu spielen?
Ville Valo: In den späten Neunzigern haben wir manchmal kleine unplugged Konzerte gegeben. Meistens fürs Radio oder Ähnliches. Ich mag diese Art von unplugged einfach nicht, indem man bloß seine Instrumente vom Strom nimmt. Man muss einen Song ganz neu aufbauen und verändern. Wie wir zum Beispiel Chris Isaaks "Wicked Game" ganz neu arrangiert haben. Bestehende Songs neu zu organisieren benötigt einfach eine Unmenge an Zeit, und leider sind wir keine gute akustische Band. Gas Lipstick, unser Schlagzeuger zum Beispiel, kann schlichtweg nicht gefühlvoll, oder eben akustisch spielen. Er ist einfach ein Haudrauf- Typ. Da sind wir wieder bei der Bindung innerhalb der Band angelangt. Wer weiß? Ein akustisches Album wäre bestimmt was Tolles und mir würde es gefallen. Wir werden sehen.

hitparade.ch: Auf unserer Seite können Member jegliche Songs bewerten, welche je, als Single oder auf einem Album, veröffentlicht wurden. Was denkst du, welcher HIM-Song hat die beste Durchschnittsnote?
Ville Valo: Ich kenne eure Member ja nicht, aber ich nehme an "Join Me" oder " Gone With The Sin". Allenfalls auch "Poison Girl"… Ich denke höchstwahrscheinlich etwas vom Album "Razorblade Romance".

hitparade.ch: Da schätzt du unsere Member aber als sehr oberflächlich ein… Ich zeige dir mal die Top 20.
1. The Path
2. Our Diabolical Rapture
3. Your Sweet 666
4. It's All Tears (Drown In This Love)
5. Beautiful
6. Love You Like I Do
7. Vampire Heart
8. Close To The Flame
9. Cyanide Sun
10. Under The Rose
11. Sleepwalking Past Hope
11. Bleed Well
11. Please Don't Let It Go
14. When Love And Death Embrace
15. Passion's Killing Floor
16. In Joy And Sorrow
17. Gone With The Sin
18. Join Me
19. And Love Said No
20. Dark Light

Ville Valo: Wow, damit habe ich wirklich nicht gerechnet. Da war wohl doch der einte oder andere HIM-Kenner am voten. Das ist wirklich interessant. Da sind ja viele coole Songs dabei, welche nie wirklich populär waren oder im Radio gespielt wurden. Besonders freut es mich das "And Love Said No" (19) dabei ist! Ich finde, das ist einer unserer stärksten Songs, welcher leider nie die Aufmerksamkeit bekam, die er verdiente. Er war bloß auf unserem Best Of Album und wurde nie Teil eines Albums, worüber ich heute noch enttäuscht bin. Ich liebe den Song und den Text. Doch, ich muss sagen, eure Member haben Geschmack! Zur Ernüchterung muss ich jedoch leider erwähnen, dass wir viele dieser Songs heute Abend im X-Tra nicht spielen werden.

hitparade.ch: Rauchst du eigentlich immer noch soviel?
Ville Valo: Es ist ein bisschen weniger geworden. Ich musste mich gezwungenermaßen ein wenig einschränken, da man nun in Finnland in den meisten Bars und Clubs nicht mehr rauchen darf. Ich hänge auch eher selten in Bars rum, seit ich aufgehört habe zu trinken und rauche nicht mehr den ganzen Abend eine Zigarette nach der anderen. Im Moment rauche ich noch eineinhalb bis zwei Päckchen am Tag. Früher waren es nicht selten vier. Ich rauche also immer noch viel, jedoch weniger, als ich sonst würde. Natürlich ist es nicht gerade das Schlauste, gerade, wenn man noch an Asthma leidet, wie ich. Ich habe schon ein paar Mal daran gedacht aufzuhören. Das ist als Sänger jedoch verdammt schwer. Wenn man aufhört wirft die Lunge erstmals alles aus, was sich in den Jahren angesammelt hat. Das schlägt natürlich auf die Stimme. Ich habe mal versucht während einer Tour aufzuhören. Diverse Musiker haben mir dann aber davon abgeraten. Man braucht mindestens zwei bis drei Monate bis man sich erholt hat und in dieser Zeit kann man weder auf Tour gehen noch Songs einsingen. Vielleicht ist das auch der Grund, wieso wir nie lange Ferien machen oder auf der faulen Haut liegen. Wir wollen immer eine Entschuldigung haben zu rauchen.


Linktipps:
Konzertbericht X-Tra vom 10.03.2008
Höre ins aktuelle Album "Venus Doom" rein
Discographie von HIM
Offizielle Seite

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