INTERVIEW MIT SCREAM



Trotz tragischem Krankheitsfall, dem Bruchpiloten und einem ganz schwierigem Hausabwart schaffen es die Berner Oberländer wieder zurück zum Gipfel der Ideenlosigkeit in der Schweizer Musikszene. Von dort aus sagen sie H.A.L.L.O. und fragen wie Iggy Pop: Wo isch de Summer? hitparade.ch war das einmal mehr zu kompliziert und traf sich darum mit Häni und Simon in einer Beiz an einem Bahnhof, um all unsere offenen Fragen zu beantworten.

hitparade.ch: Ein Krankheitsfall hat die Produktion eurer neuen CD abrupt unterbrochen. Wie geht es Mark?
Simon: Soweit geht es ihm tip top. Er geht regelmässig zur Kontrolle und ist auf einem guten Weg. Er ist wieder voll dabei und gibt wieder Vollgas auf der Bühne.

hitparade.ch: Ihr wolltet erst weitermachen wenn es ihm auch wieder möglich war dabei zu sein. War es schwierig, die Maschinerie wieder in Gang zu bringen?
Häni: Eigentlich nicht, weil wir vier die Maschinerie der Produktion sind, wir hatten alles selber in der Hand und daher war es absolut kein Problem den ganzen Vorgang zu stoppen und zu unterbrechen, was auch selbstverständlich war. Logisch, dass solche Dinge unerwartet kommen, für uns war es klar, dass wir stoppen und schauen, dass er wieder auf die Beine kommt, dass wir ihn besuchen und die Zeit für ihn möglichst angenehm gestalten, damit er möglichst schnell wieder auf den Beinen ist. Und sobald er das Gefühl hatte, er sei wieder fit, setzten wir unsere Arbeit fort. Ich denke, das hätten wir auch mit einer Plattenfirma getan, soviel Mitgefühl muss da sein.
Simon: Es wäre nicht in Frage gekommen etwas mit einem anderen Gitarristen zu machen, es war von Anfang an zusammen geplant.

hitparade.ch: Hatte es Auswirkungen, dass man einige Sachen entspannter anging und Dinge plötzlich nicht mehr so verbissen und wichtig waren?
Häni: Ich denke, bei ihm hat es sehr viel ausgelöst, bei uns auch, aber bei ihm sicher am meisten, weil noch viel passieren kann. Man kann rückfällig werden oder es kann für immer verschwinden, was alle hoffen. Aber es ist eine sehr heimtückische Krankheit, welche immer wieder böse Überraschungen parat hält, und dann überlegt man sich schon, was man noch tun und lassen will. Es hatte sicher bewusst und unbewusst Auswirkungen. Wir springen nicht mehr jedem Konzert und jeder Promo nach. Wir tun nur noch das, was cool ist oder worüber wir denken, dass es cool ist, den Rest lassen wir.

hitparade.ch: Ich finde, die Scheibe tönt recht locker und entspannt. Gewisse Songs tönen, als ob beim morgendlichen Kaffee die Idee kam, alles zusammengetrommelt worden ist, der Song aufgenommen wurde und fertig. Und so bleibt er auch, sehr spontan und unbeschwert. Ist das auch so oder waren da doch grössere Anstrengungen nötig dafür?
Simon: Es war von Anfang an das Ziel, ein spontanes, schnörkelloses Album herauszubringen zu viert nicht mehr zu fünft. Das Piano fiel weg, was das ganze etwas natürlicher klingen lässt, mit diesem Ziel gingen wir auch an die Arbeit.
Häni: Wir haben wirklich "Achtung, fertig, los" gespielt, und es ist sicher nicht alles perfekt, was man in der Produktion als perfekt betiteln würde. Wenn man alles zusammen editieren würde, nimmt man die Eigenheiten der einzelnen Musiker weg. Es ist in der heutigen Zeit ein wenig zur Mode geworden, dass alles durchgestylt wird. Wir sind alle nicht perfekte Musiker, aber was wir zusammen machen das bekommt etwas eigenes, und wenn man das herausnimmt, verliert das ganze seine Seele, und das ist das, was eine Band ausmacht, das Zusammenspiel.

hitparade.ch: Ihr wurdet mal als die Nachfolger von "Züri West" gehandelt und betitelt. Braucht es denn für alles Nachfolger? Anders gefragt: ist es überhaupt Ziel, dann irgendwann parat und im besten Licht zu stehen, wenn sich eine solche Band von der Bühne verabschieden würde?
Häni: Es ist eigentlich Blödsinn, wenn man als Musiker eine Lücke füllen möchte, welche aufgeht. Lieder liegen herum und Texte schnappt man irgendwo mit einem Erlebnis auf, das man hört oder sieht. Wenn man dann denkt "ich muss eine Züri-West-Lücke füllen" kommt schlussendlich nur Blödsinn raus. Was sie machen, ist ein 20jähriges Werk, das sich entwickelt hat, da kann man nicht das Gefühl haben, das macht man schnell von Heute auf Morgen. So verliert es die Authentizität vom eigenen. Das ist ja das Spannende an der Kunst, dass man das was man im Kopf hat aufs Papier/Band bringt. Alles andere ist einfach so schnell gebastelt.
Simon: Es kann natürlich auch ein Kompliment sein, als Nachfolger von Züri West, einer unsere Lieblingsbands aus der Jugend, betitelt zu werden, aber ich finde das Nachfolger-Zeugs ist überflüssig
Häni: Ich wäre Lieber Nachfolger der Beatles. (lacht)

hitparade.ch: Wenn wir bei den Beatles sind, es gibt einen Song auf dem Album, welcher ein bisschen nach Altbeatles tönt. "Charmant" ist ein starkes Stück, so schön dreckig, fies und hinterhältig, musikalisch wie textlich. Allgemein finde ich, seid ihr etwas rauer und härter geworden. Wie kommt das?
Häni: Wenn wir zusammen in den Bandraum gehen dann tönt es einfach so. (lacht)
Simon: Da kein Piano mehr dabei ist, wird das ganze mehr gitarrenlastig, was es automatisch rockiger macht.
Häni: Für mich war es eine grosse Herausforderung, weil ich nicht wirklich ein Sänger bin sondern eher ein "Sprecher", singen tue ich nicht wirklich. Beim Schreiben der Songs war es ein Problem, die Riffs und das was man erzählen möchte zusammenzubringen, denn einfach drauflos spielen und singen klappt nicht wirklich. Und ein Song wie "Charmant" hat einen sehr langen Weg hinter sich, nur schon bis ich ihn der Band vorgespielt habe. Wenn ich versuche ein Song im Bandraum möglichst "cool" vorzustellen, macht es "päng" und nach einer Viertelstunde wissen wir ob er passt oder nicht. "Charmant" war ein Song, bei dem wir nichts mehr ändern mussten. So tönt es einfach wie wenn wir zusammen musizieren.

hitparade.ch: Was ist aktuell dein Liebling auf H.A.L.L.O. wenn du sie durchhörst?
Simon: "Bruchpilot" die Aktuelle Single gefällt mir sehr gut.
Häni: Im Moment finde ich wirklich alles gut. Ich finde das Album hat es zum ersten Mal auf den Punkt gebracht. Es ist eine runde Angelegenheit, alles passt zusammen, es ekelt nichts an. Früher hatte ich immer ein paar Texte auf den Alben, wo ich zwei Monate nach der Veröffentlichung dachte ich "da ist etwas schief gelaufen...". Hier denke ich, kann ich wirklich extrem lang dahinter stehen. Das ist eine Momentaufnahme und alles hat das gewünschte Niveau. Das ist noch wichtig, wenn man ein Album presst.
Simon: Ich würde sagen es ist zeitlos.

hitparade.ch: Hat dieses H.A.L.L.O. einen bestimmen Hintergrund?
Simon: Man sagt H-A-L-L-O und nicht Hallo, und das hat unsere ehemaliger Hauswart Willy gesagt. Ein Song heisst auch "Willy", dieser dreht sich um ihn. Er kam reklamieren und sagte: "H-A-L-L-O, hört auf so laut zu spielen!". Dieses überdeutliche Hallo ist dann eigentlich das H.A.L.L.O.
Häni: Während der Vorbereitungen kam er uns täglich besuchen und war wütend über das was wir tun. Und dieses H.A.L.L.O. war wie ein Zeichen. Wir wussten sofort, dass unser nächstes Album so heissen sollte. Im Text von "Willy" ist eigentlich alles geklaut von dem was er gesagt hat.

hitparade.ch: Ich musste diese Woche mit zwei Musikjournalisten etwas fachsimpeln, und der eine fand, Scream erdreisten sich das Covern des Iggy Pop Klassikers "Passenger". Er findet das sei der Gipfel der Ideenlosigkeit in der Schweizer Musikszene. Wie geht ihr mit solchen Kritiken um?
Häni: In meinem Job bin ich sehr viel mit Kritik konfrontiert. Ich gebe Kritik an Bands und bekomme auch selber Kritik zurück, dort geht es sehr um konstruktive Kritik. Sobald man über Musik oder Kunst spricht, ist es extrem Geschmackssache. Wenn sich irgendjemand an solchen Sprüchen erfreuen kann, ist es mir egal. Er kennt den Hintergrund, warum wir etwas tun, und wenn dies seine Meinung ist, ist das völlig in Ordnung.

hitparade.ch: Apropos Kritik, auf hitparade.ch verkehrt ja die härteste Schweizer Musikjury, vom "Blöffer" bis zum Musikgenie, Liebhaber bis Musiker, alle reviewen alle möglichen Songs. Schaust du dir das auch zwischendurch an?
Häni: Ich finde Reviews teilweise sehr interessant. Zu sehen, wie jemand einfach eine schlechte Bewertung abgibt ohne das Album gehört zu haben oder wie andere, die das Album wirklich gehört haben, die eine Hälfte des Albums scheisse und die andere Hälfte genial finden, ist sehr interessant. Solche Kritiken und Meinungen über die eigene Band zu lesen ist sehr spannend, aber das ganze über andere Bands zu lesen bringt mir nichts.

hitparade.ch: Vor ein paar Wochen hatten wir M-Day im Interview, schon die haben sich darüber geäussert, dass sie nicht unbedingt Liebeslieder singen wollen, ihr habt gerade einen Song daraus gemacht. Hat die Musik zur Zeit einen "I love you"-Songs-Overkill?
Simon: Einen Overkill nicht, wir finden beides toll. Aber es gibt schon so viele Liebeslieder im Radio, da kann es auf unserer CD auch einmal ein Antiliebeslied drauf haben, das wäre dann "Liebeslieder".
Häni: Es geht im Songtext ja nicht darum, dass man prinzipiell gegen Liebeslieder ist. Es gibt Englisch singende Schweizer Bands bei welchen es recht häufig vorkommt, dass sie so klischeehafte Sätze machen. Und um genau diese Standardsachen geht es in dem Song, die 08/15 Liebesbeweise, welche gar nichts mehr mit Romantik zu tun haben. Es geht um diese oberflächlichen Liebesbeweise. Man kann es ja viel schöner machen, aber das ist Geschmackssache.

hitparade.ch: Gab es eigentlich schon mal ein Thema, wo du gesagt hast: da hat noch nie einer was drüber geschrieben, noch nie einer ein Song darüber gemacht, ich werde es tun, irgendwann?
Häni: Beim letztem Album habe ich einen Covervorschlag für unser Albumcover gemacht, dort drauf war ein Sujet, ein Affe mit Kopfhörer, und ich fand, dass das nächste Album soll "Für de Sound" heissen soll. Alle fanden dies eine doofe Idee. Ich dachte dann, dass ich die Band irgendwie überzeugen kann und habe angefangen einen Song zu schreiben. Ich kann nicht alles genau erklären, sonst verrate ich schlussendlich noch um was es geht. Aber Ich bin seit ca. zweieinhalb Jahren an diesem Song dran und habe inzwischen eine recht gute Story bereit, welche fast fertig ist. Dies wäre dann das Argument für meinen Covervorschlag.

hitparade.ch: Jetzt geht es dann ab auf die Bühnen, aber oh Schreck - erst drei Konzerte stehen auf eurer Homepage?
Häni: Es gibt vier.
Simon: Es sind wenige, weil wir erst im nächsten Jahr richtig loslegen wollen. In diesem Jahr haben wir zuerst ein paar Gigs zum Aufwärmen. Da das Album verspätet herauskam, haben sich auch die Auftritte verschoben. Es könnten mehr sein, aber wir finden, es reicht zum Aufwärmen, nicht zu viel für den Anfang.
Häni: Es war sehr aufwändig, alles selber zu machen. Wir sind seit drei bis vier Wochen in der Freizeit immer wieder bei Radio und Journalisten vorbeigegangen. Man kann nicht viel üben, es braucht halt einfach eine gewisse Zeit, die ganze Maschinerie in Gang zu bringen, bis alles stimmt. Schlussendlich hat man eine Band auf der Bühne, welche noch nicht bereit ist und das wollten wir nicht.

hitparade.ch: Ich werde natürlich anfangs Januar wieder im Albani stehen, was darf ich dann erwarten?
Simon: Es geht noch lange, bis im Januar kann sich sehr viel verändern.
Häni: Bis dann machen wir vielleicht Hip Hop. (lacht)
Simon: Eineinhalbstunden Vollgas
Häni: Ich denke es wird besser sein als das letzte Mal. Es wird laut, heftig und intensiv.
Simon: Es wird ähnlich tönen wie auf der CD, denn das sind wir vier.

hitparade.ch: Das letzte Mal im Albani wart ihr so halbakustisch unterwegs, was mir auch sehr gefallen hat, es war eine sehr schöne Atmosphäre, ist das eventuell wieder ein Thema?
Simon: Es ist eine Abwechslung, aber wir sind eher die, welche gerne abrocken. Ich habe lieber dicke Stöcke als "Bäseli". Es war eine Erfahrung, aber wir haben nichts geplant.
Häni: Solche Sachen sind recht spontan, wenn wir finden wir machen nächste Woche ein Unplugged-Konzert, und manchmal tönt es gut oder manchmal auch nicht. Es ist immer ein Risiko. Man kann schliesslich nicht immer alles vorausplanen.

hitparade.ch: Alle werden immer gefragt, mit wem sie mal ein Duett singen wollen, von euch würden wir gerne wissen, mit wem nicht?
Häni: Mein Problem ist, dass ich nicht singen kann und dann ein Duett? Das ist wie wenn man einen Nichtschwimmer fragt ob er schwimmen kommt.
Simon: Bei mir wäre die Frag wohl, bei wem ich nicht ans Schlagzeug sitzen möchte. Das wäre definitiv bei James Blunt, da würde ich einschlafen. Bei den "White Stripes" würde ich dagegen gerne mal ans Schlagzeug sitzen.
Häni: Ich würde gerne mal bei den Stones mitspielen. Und nicht mitspielen möchte ich bei einem Song von Frank Zappa, da wäre ich gnadenlos überfordert. Für dieses Musikniveau wäre ich eindeutig musikalisch zu blöd.

hitparade.ch: Kommen wir zur Top 10 der Schweizer Hitparade. Was könnt ihr kommentieren?

10. The Pussycat Dolls - When I Grow Up
Simon: Das Video ist super, aber der Song ist mir zu lasch.
Häni: Wenn ich so gut aussehen würde, würde ich wie blöd Platten verkaufen.

8. Söhne Mannheims - Das hat die Welt noch nicht gesehen
Häni: Nicht so mein Fall.
Simon: Ich finde die Söhne Mannheims noch recht gut, aber das unplugged -Zeugs kenne ich nicht

6. Coldplay - Viva la vida
Häni: Der Titelsong hat mich extrem berührt. Er hat gute Hip Hop Einflüsse bei den Beats.
Simon: Gefällt mir sehr gut.

5. Rihanna - Disturbia
Simon: Hübsch anzuschauen.
Häni: Mir gefällt die Musik nicht so.

4: Kid Rock - All Summer Long
Simon: Guter Partytrack.
Häni: Schlimmer als "Sweet Home Alabama" covern ist nur noch "Passenger" zu covern (lacht).

3. Amy Macdonald - This Is the Life
Häni: Wollte ich auf dem Gurten schauen gehen, aber es war zu voll, dass ich es nicht geschafft habe. Bin dann Adrian Solo schauen gegangen, was sehr cool gewesen ist und mich positiv überrascht hat.
Simon: Finde ich super, habe den Song sogar auf meinem iPod. Schöner Track.

2. Gabriella Cilmi - Sweet About Me
Simon: Den Titel kenn ich, aber sie sagt mir nichts.

1. Katy Perry - I Kissed A Girl
Simon: Ein cooler Song und ein hübsches Mädchen.
Häni: Man sieht ich bin Hitparaden mässig nicht wirklich "updated".


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