INTERVIEW MIT ROLAND KAISER





Fotos White Records / Manfred Esser

Am Donnerstag in Zürich und am Freitag in Basel gibt der deutsche Sänger Roland Kaiser zwei Konzerte in der Schweiz. Wir hatten die Gelegenheit, vorgängig mit ihm zu sprechen - über seine Lieder, über das Reizvolle an Live-Auftritten und über die gegenwärtige Rolle des deutschen Schlagers.

hitparade.ch: Mit ihrem aktuellen Album "Sexy" haben Sie den Sprung in die Top 40 der deutschen Charts geschafft. Das ist auch für Sie die höchste Albumplatzierung seit fast 20 Jahren. Können Sie einen Erklärungsversuch unternehmen, womit der Erfolg dieses Albums zusammenhängt?
Roland Kaiser: Ich glaube dahinter steckt die Hinwendung zu den Themen, die die Menschen am meisten mit mir identifizieren. Das ist die Beleuchtung von Zweierbeziehungen in ihren ganzen Kompliziertheiten und mit ihren erotischen Komponenten.

hitparade.ch: Dieses Album kommt erdiger und poppiger daher als frühere Werke von ihnen. Songs wie "Ganz lang her" oder "Sexy warst Du schon immer" sind Lieder, die man in englischer Sprache nicht zwingend einem Schlagersänger zuschreiben würde. Haben Sie das Album gezielt in diese Richtung konzipiert?
Roland Kaiser: Die strikte Klassifizierung zwischen Schlager und Nicht-Schlager ist eine rein deutschsprachige Form der Zuordnung, Ausgrenzung und Schubladisierung. In der englischen, französischen oder italienischen Musik gibt es sie nicht. Dort besteht dieses Bedürfnis offenbar weniger. Schlager sind - wenn man dem Brockhaus folgt - Gassenhauer, die die Leute nachsingen oder nachpfeifen können. Wenn Herbert Grönemeyer einen Nummer-1-Hit landet, handelt es sich letztlich ebenfalls um einen Schlager. Mehrheitsfähige Lieder zu machen, ist etwas, wonach wir doch alle streben. Wenn jeder meiner Titel ein Schlager geworden wäre, grosse Güte - das wär ja toll. Doch das ist bloss ein hehrer Wunsch, den wir alle haben.

hitparade.ch: Sie schreiben die Texte ihrer Lieder fast durchwegs selber. Häufig handeln die Lieder von Liebe und von erotischen Spannungen. In eine ganz andere Richtung geht das Lied "Es war einmal ein Träumer". Dort portraitieren Sie einen Traumtänzer, der fortweg seine Sehnsucht stillen muss.
Roland Kaiser: Als Kind hatte ich den grossen Wunsch, einmal über die eigene Heimatstadt zu fliegen. Dieser kleine Junge, von dem das Lied erzählt, bin ich selbst. Später konnte ich den Traum verwirklichen und als Pilot mehrmals den Flughafen Tempelhof anfliegen.

hitparade.ch: Sie besingen in dem Lied auch den Sänger, den die Sehnsucht immer wieder auf die Bühne treibt. Ist aus dieser Sehnsucht im Laufe der Jahre eine Sucht geworden?
Roland Kaiser: Wenn ich ganz ehrlich sein darf, bin ich nicht jemand, der so wahnsinnig gerne im Mittelpunkt steht. Das geht durch meine Lebensgeschichte stringent durch. Ich mochte bereits als Kind beispielsweise Geburtstagsfeiern nie, weil sich dann alles um mich drehte. Und das ist in gewissem Sinne auch heute noch so, auch wenn es eigentlich sinnwidrig ist für den Beruf, den ich ausübe.
Aber immer wenn ich diese Unlust überwunden habe, in die Mitte zu rücken, überwiegt dann natürlich das Vergnügen daran, auf der Bühne mit guten Künstlern Musik zu machen und zu sehen, dass die Leute daran Spass haben. Es ist dann eine Entlöhnung für die Überwindung der eigenen Angst und der eigenen Hemmungen. Wenn der Abend zu Ende ist, rücke ich aber gerne wieder ins zweite Glied zurück. Es gibt einige Kollegen, die ich gut kenne, - Peter Maffay zum Beispiel - denen es ganz ähnlich geht.

hitparade.ch: Auffällig ist, dass Sie derzeit keine ausgedehnte Tournee, sondern nur punktuelle Konzerte geplant haben.
Roland Kaiser: Ja, das ist richtig. Ich geh nicht mehr auf eine Dauertournee, sondern ich spiele Konzerte eher so an den Wochenenden. Den Rest der Woche bin ich bei meiner Familie zu Hause. Ich finde diese Aufteilung meiner Familie gegenüber sehr wichtig und gerecht. Sie sollen von ihrem Vater etwas haben. Und ich möchte selbstverständlich auch von meinen Kindern und von meiner Frau etwas haben. Ich habe unter der Woche Zeit, die Kinder zur Schule zu bringen, mit ihnen Schularbeiten zu machen und zu sehen, wie sie sich entwickeln. Das ist eine ganz spannende und sehr schöne Phase.

hitparade.ch: Diese Woche treten Sie seit längerer Zeit wieder einmal in der Schweiz auf. Werden Sie dazu kommen, sich Zürich und Basel anzusehen oder ist man im Tourneestress zu sehr absorbiert?
Roland Kaiser: Das ist genau mein Problem. Ich bin ja in vielen schönen Städten unterwegs, die ich dann jedoch nur sehr oberflächlich kennen lerne. Von den Städten kenne ich häufig nur den Bahnhof oder Flughafen, die Hotels und die jeweiligen Auftrittsorte. Manchmal, doch nicht immer erinnere ich mich an Restaurants.
In Zürich - ich glaube es war 1993 - besuchte beispielsweise Udo Jürgens mein Konzert und wir sind danach gemeinsam essen gegangen in der Kronenhalle. Daran erinnere ich mich gerne zurück, weil das Essen und die Atmosphäre sehr gut waren. Wenn ich dieses Jahr die Zeit finde, würde ich dort gerne essen gehen.

hitparade.ch: Was haben die Konzertbesucher hinsichtlich des Live-Repertoires zu erwarten?
Roland Kaiser: Sie dürfen erwarten, dass das gespielt wird, was sie dazu veranlasst, da hin zu gehen, nämlich die grossen Erfolge - gemischt mit einigen neuen Titeln natürlich.

hitparade.ch: Was empfinden Sie, wenn Sie im Publikum Fans entdecken, die noch nicht einmal geboren waren, als Sie ihre ersten Hits hatten?
Roland Kaiser: Ich habe grossen Respekt vor den Leuten und freue mich sehr. Speziell zu den Open-Air-Konzerten kommen häufig tausende junge Leute, die 1976 bei meinem Karrierestart "Frei - das heisst allein" noch nicht einmal geboren waren. Da sind Leute, die teilweise halb so alt sind wie meine ersten Hits und die singen den Text mit. Die Präsenz dieser Leute ist für mich auch ein Vertrag mit der Zukunft. Sie finden offenbar, dass ich mein Ding zeitgemäss präsentiere. Das liegt auch an meiner Band, mit der ich mittlerweile seit 15 Jahren zusammen spiele. Es ist eine eher rockig agierende Band, was ein Soundgebilde ergibt, das auch genau so gut von Chris Rea oder Bryan Adams stammen könnte. Das ist genau mein Ziel.

hitparade.ch: Seit Jahrzehnten sind Sie ein fester Bestandteil der deutschen Schlagerszene. Wenn Sie links und rechts von sich sehen, wie sich das Genre entwickelt. Denken Sie dann: schön, dass ich ein Teil davon bin. Oder möchte man sich auch manchmal abgrenzen?
Roland Kaiser: Ich grenze mich überhaupt nicht ab. Ich bin der Meinung, es soll jeder sein Ding machen und es ist jeder für seine gezeigte Qualität selber verantwortlich. Das Publikum, dem ich durchaus einen vernünftigen Geschmack zurechne, soll entscheiden.
Die Entwicklung dessen, was im deutschsprachigen Raum Schlager genannt wird, ist in den letzten Jahren fast völlig stagniert, insbesondere was den textlichen Gehalt der Lieder angeht.
Jean-Paul Sartre hat einmal gesagt "Kunst ist reflektierte Gegenwart". In den 50er Jahren war der Schlager meines Erachtens deutlich mehr reflektierte Gegenwart, als er es heute ist. Hazy Osterwald hat in den Zeiten des Wirtschaftswunders mit "Geh'n Sie mit der Konjunktur" den Zeitgeist thematisiert. Als die Reisewelle nach Italien losging, kamen Sachen wie "Komm ein bisschen mit nach Italien" oder beim Hype um Durbridge und Edgar Wallace "Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett" und der "Kriminal-Tango". In dieser Zeit hat die Musik auf die Trends reagiert.
Ein Vertreter dieser ambitionierten Art des Schlagers ist natürlich mein Kollege Udo Jürgens, der an verschiedenen Punkten in seiner Karriere solche Merkpunkte gesetzt hat. Besonders toll gelang ihm das beim "ehrenwerten Haus", als in den 70er Jahren die Ausländerfeindlichkeit zunahm. Als ich gerade eben mit meinen Kindern im Auto unterwegs war, habe ich ein Lied von einer jungen deutschen Band gehört, die sich mit sehr ähnlichen Dingen beschäftigt. "Hör nicht auf die Leute, lass sie reden und lächle ihnen ins Gesicht, weil sie das am meisten ärgern wird". Die Sprache der Leute zu sprechen und ihnen gute Anstösse zu geben, wäre meines Erachtens auch eine Aufgabe des so genannten Schlagers. Aber der klassische deutsche Schlager wabert im Nichtssein herum und das ist meines Erachtens sein Hauptproblem. Deswegen ist er auf dem Markt heute auch kaum mehr so stark, dass man von einem bedeutenden Segment sprechen könnte.

hitparade.ch: Die Texte ihrer Songs schreiben Sie gemeinsam mit Silvia Gehrke, während die Melodien von vielen verschiedenen Komponisten stammen. Wie muss man sich die Entstehungsphase eines Roland-Kaiser-Liedes vorstellen. Was ist zuerst - die Textidee oder die Melodie?
Roland Kaiser: Das läuft immer relativ ähnlich. Ich kriege eine Komposition zugeschickt und überlege mir, wie sich das Werk in Worte kleiden lässt, ohne dass diese sich mit der Melodie reiben.

hitparade.ch: Im Internet ist bereits von ihrer nächsten Single zu lesen. Was dürfen ihre Fans von "Von Liebe war bei uns nie die Rede" erwarten?
Roland Kaiser: Das ist die Geschichte zweier Menschen, die über viele Jahre hinweg nichts für einander empfunden haben ausser guten Gefühlen und Freundschaft… bis sie irgendwann einen Schritt weiter gingen. Wir erfinden in dem Lied das Rad nicht neu. Inhaltlich erinnert es durchaus an "1000 Mal berührt" von Klaus Lage. Wir versuchen beständig, neue Wortkombinationen für ein und dieselbe Situation zu finden.

hitparade.ch: Die Single ist der Vorläufer eines Albums. Wann ist mit dieser Veröffentlichung zu rechnen?
Roland Kaiser: Das Album kommt Ende Januar und wird "Wir sind Sehnsucht" - also nicht "Wir sind Papst" - heissen.

hitparade.ch: Vor zwei Jahren haben Sie die Hörspielreihe "Die Giblinge" aus der Wiege gehoben sowie ein Album mit Kinderliedern veröffentlicht. Planen Sie weitere Veröffentlichungen, die sich ganz speziell an ihr jüngstes Publikum richten?
Roland Kaiser: Wir werden keine weiteren Kinderlieder-Alben mehr machen. Aber die Buch- und Hörspielreihe "Die Giblinge" geht auf jeden Fall weiter. Im nächsten Jahr kommt die Folge 5 raus.

hitparade.ch: Wir bedanken uns herzlich für das Gespräch.


Linktipps:
Zum aktuellen Album "Sexy"
Konzertbericht: Roland Kaiser im Volkshaus Zürich (16.10.2008)
Discographie von Roland Kaiser
Offizielle Seite

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