INTERVIEW MIT MAD MANOUSH





Mad Manoush, eine Multikulti-Truppe mit Geiger Egon Egemann, haben ihr neues Album "The Gypsy R-Evolution" veröffentlicht. Wir haben den Geiger mit Schweizer Stammsitz letzten Dezember zum Interview getroffen.

hitparade.ch: Beim ersten Durchhören der CD ist mir ein Wort in den Sinn gekommen dafür, welches absolut nicht schlecht zu werten ist: "Chrüsimüsi"! Ein heilloses Durcheinander von Musikstilen. Kaum ein Stil, der ausgelassen wird. Wie kommt man denn auf eine solche Idee, so etwas zu machen?
Egon: Ich könnte es auf einen kurzen Nenner bringen: Das bin ich! Diese Vorliebe für das Durchmischen von Musikstilen, eben Chrüsimüsi, ist aufgrund meines Backgrounds entstanden. Ich habe klassische Musik studiert und bin als etwa Siebzehnjähriger durch Zufall in Berührung gekommen mit Chipsy Swing von Stefan Grappelli und dies war für mich, als damals rein klassischer Geiger, natürlich etwas Faszinierendes. Ich merkte, dass man aus diesem Instrument auch andere Klänge und rhytmische Phrasierungen herausholen kann, nicht nur klassische Musik. Dies hat dann dazu geführt, dass ich mich für alles was mit der Popkultur, Jazz oder sonstigen Alternativen zur klassischen Musik zu tun hatte, angefangen habe zu interessieren. Die Folge davon war, dass ich dann früher oder später sozusagen das Lager gewechselt habe. Ich spiele natürlich noch heute viel klassische Musik und übe auch viel, auch um mir die Techniken des Instruments zu bewahren, so quasi. Ich habe aber halt schnell gemerkt, dass mich dieses neue Lager mehr anspricht. Damals war ich in Österreich zuhause und kam dann auch in Kontakt mit echter österreichischer Volksmusik. Ich habe dann "Altsteirer-Musik" gespielt (lacht). Also so völlig authentische, im Alpenland verankerte Volksmusik. Zu vergleichen mit Appenzeller Streichmusik. Mit Hackbrett und steirischer Harmonika. Mich hat dies fasziniert. Ich hatte dann auch Kontakt zu kommerziellen Ebenen und habe mich da, einerseits aus kommerziellen Aspekten, andererseits aus Spass an der Sache, als Produzent betätigt. Also, schon damals hat sich diese Vorliebe für das angesprochene Chrüsimüsi gezeigt. Musik ist für mich einfach eine universelle Sprache. Dieses Schubladendenken, das viele Medienleute leider meiner Ansicht nach vertreten, das ist einfach nicht meine Haltung. Was mich an dieser universellen Sprache fasziniert ist genau dieses Verbinden von verschiedenen Musikstilen und zu schauen, was sie gemeinsam haben. Oder welches Spannungsfeld sich ergibt. Wenn man jetzt, wie in unserem Fall, Chipsy Swing, Chipsy Jazz mit Reggae oder Latino-Rhytmen verbindet, oder auch mit Polka oder was auch immer.

hitparade.ch: Haben dich Künstler dazu inspiriert?
Egon: Schon ein bisschen, aber bei mir gibt es da ein ganz bestimmtes musikalisches Schlüsselerlebnis. Das war in New York, in einem aus Insiderkreisen bekannten Lokal, das aber auch nicht mehr als Fake ist, in der Chandler-Street. Ich bin mehr oder weniger zufällig in dieses Lokal gekommen, da hat eine Band namens Gogol Bordello gespielt. Die haben mich total aus den Socken gehauen. Zu dieser Zeit damals hatte ich noch eher traditionellen Chipsy Swing gemacht, doch ab diesem Zeitpunkt war für mich klar, dass es genau dies ist, was ich machen möchte. Ein grosser Eintopf voller Stilmischungen aus traditionellen Elementen sowie Punk und Rock und Pop. Eigentlich alles, was beim Schubladendenken nicht möglich ist, war für mich klar, es muss doch möglich sein, es muss ausprobiert werden. Dies war eigentlich die Initialzündung, wie ich dazu gekommen bin, was ich heute mache.

hitparade.ch: Wie sieht diese ganze Geschichte live aus?
Egon: Wir sind eine fünfköpfige Band, und es sieht auf jeden Fall sehr lebhaft auf der Bühne aus. Es geht drunter und drüber. Live ist es auf jeden Fall noch viel spannungsgeladener als auf der CD, schliesslich spielt bei uns auch die Visualisierung eine wichtige Rolle. Die Musiker sind als Einzeltypen virtuose Instrumentalisten, dies steht bei uns immer wieder im Vordergrund. Das Instrument als Ausdrucksmittel für Stimmung, sei dies lustig, traurig oder was auch immer... Dementsprechend fulminant ist dies natürlich auch live.

hitparade.ch: Ihr seid bislang fleissig unterwegs, meist etwas durch die kleineren Clubs in der Schweiz und Deutschland...
Egon: Ja, wir haben es in den letzten beiden Jahren relativ schnell geschafft, in die Open Air Szene zu kommen, wir waren in St. Gallen, am Heiteren, Montreux Jazz Festival und so weiter. Also so richtig gute Plattformen, von denen wir vor drei oder vier Jahren noch geträumt haben.

hitparade.ch: Wie sind die Reaktionen auf eure Live-Auftritte? Wie macht das Publikum mit? Bei eurer Musik bleibt man ja nicht still sitzen.
Egon: Für uns gibt es nichts Schlimmeres, als in einem Club oder Konzertsaal spielen zu müssen, wo die Leute einfach nur dasitzen und geradeaus schauen. Das ist schon fast eine Strafe für uns. Wir sind eine Band, bei der normalerweise sehr schnell die ersten Reihen zu tanzen beginnen. Und es ist alles erlaubt: Man kann auf die Tische steigen, man kann ruhig tanzen, man soll einfach das Gefühl ausleben, welches bei unserer Musik aufkommt. So soll und muss es sein.

hitparade.ch: Auf der CD sind ja 20 Tracks und ein unglaubliches Tempo, kaum eine Verschnaufpause. Ist das live auch so?
Egon: Nein, live gibt es keine Pausen. Wir möchten nicht unser Konzertprogramm, das an die zwei Stunden dauert, in zwei Sätze aufteilen. Die Erfahrung hat uns gezeigt, dass die Dramaturgie einen grossen Bogen braucht. Es fängt irgendwo an und entwickelt sich dann wellenmässig weiter, es braucht einfach eine durchgehende Linie. Dies spielt sich mit Sicherheit mit Vorliebe so ab.

hitparade.ch: Du bist auch nie still sitzen geblieben, sondern bist irgendwann aus Graz losgezogen und in der Schweiz gelandet, wie kam es dazu? Und was waren die Stationen dazwischen?
Egon: Da waren wirklich viele Zwischenstationen dabei. Graz war der Ort, in dem ich meine Jugend verbracht und mein Klassik-Studium absolviert habe. Dann bin ich auch nach Wien gegangen um weiterzustudieren, dann kam Amerika. Dort war ich in Boston an der Berkley School Of Music, Ende der 70er Jahre zog es mich dann nach New York, was eine wichtige Station gewesen ist. Dort habe ich Stefan Gapprelli persönlich kennenlernen dürfen. Diese Begegnung hat in mir die Motivation ausgelöst, meinen Weg weiter zu verfolgen. Durch Zufall führte mich mein Weg schliesslich in die Schweiz, wo ich beim Radio DRS einige Jahre als Programmgestalter angestellt war. Dies war noch die Zeit, als es nur DRS gab, nicht DRS 1 und 3... Und deswegen ist genau dies damals auch passiert, was man heute auf meiner CD hört: Die verschiedensten Stile hatten nebeneinander Platz und konnten miteinander interaktiv auf's Publikum wirken. Dies hat mich damals schon beeindruckt und ich bin noch immer der festen Überzeugung, dass man heute wieder so Radio machen sollte. Musik ist einfach Musik, da braucht man keine Schubladen. Pop, Rock, Schlager, Reggae, Punk und all diese Richtungen müssen nicht so strikt getrennt werden. Dieses Denken war für mich damals eine desaströse Entwicklung. Auf einmal hat man angefangen in Kategorien und Zielpublikum zu denken. So habe ich mich nicht mehr wohl gefühlt. Durch mein Dasein als Musiker hatte ich dann irgendwann einfach keine Zeit mehr, um alle diese vielen Jobs unter einen Hut zu bringen. Also habe ich mich selbstständig gemacht und mir ein eigenes Tonstudio aufgebaut. Dieses Studio betreibe ich heute noch auf Ton- und Videobasis, es hat sich weiterentwickelt.

hitparade.ch: Was hat Dich denn dazu bewogen, in der Schweiz zu bleiben?
Egon: Dies hat einen sehr einfachen Hintergrund: Ich habe meine Frau hier kennengelernt und eine Familie gegründet. Deswegen bin ich jetzt hier. Wäre dies nicht passiert, wäre es gut möglich, dass ich jetzt irgendwo in Amerika was machen würde.

hitparade.ch: Du bist ja Geiger. Dies sind ja eigentlich nicht gerade diejenigen, die in einer Band zuvorderst stehn. Und ansonsten auch nicht gerade die, die bekannt dafür sind, fast die "Rockstars" zu sein, Ausnahmen wie Vanessa Mae oder Nigel Kennedy sind eher selten. Kannst Du Dich hier so richtig austoben?
Egon: Die Geige gilt ja bei gewissen Stilrichtungen, wie beispielsweise Folklore, als zypisches und tragenes Element. Es versetzt die Musik in eine andere Form. Dies kommt mir natürlich sehr entgegen, denn so kann ich das Instrumet auch hier stilistisch umsetzen - und ausschlachten (lacht).

hitparade.ch: Was ich noch schön fand, sind die verschiedenen Szenen, in die ich mich hineinversetzt fühle, wenn ich das Album durchhöre, mal an einem wilden Fest, mal wie in Paris in einem Strassencafé, dann wieder irgendwo am Meer. Wie sehr habt ihr euch von solchen Szenen leiten lassen für die Songs?
Egon: Dies hat mit den Inspirationen zu tun, die dem Ganzen zugrunde liegen. Inspirationen können für mich als Mastermind der Band, aber auch für die anderen Bandmitglieder, überall stattfinden. Wir verkriechen uns nicht irgendwo in den Proberaum und stricken dort am Sound, sondern die Songs entstehen auf sehr mannigfaltige Art und Weise. Dies kann auf der Basis einer Textzeile sein, die eine inhaltliche Idee beinhaltet, oder der Song kann sich auch auf der Basis einer musikalischen Hookline aufbauen, es kann von einem Rhytmus oder Groove ausgehen. Dies kann zu einem ganzen Song inspirieren. Aus diesen mannigfaltigen Szenarien heraus ist es dann auch keine Überraschung, dass sich solch vielfältiger Sound bildet. Es hat sicher auch noch damit zu tun, dass ich auf Nichts achte (lacht). Ich achte mich nicht auf Radiotauglichkeit oder ähnliche Attribute. Wenn man auf zuviel achten muss, dann kann es passieren, dass alles gleich klingt. Man lässt sich ja sehr schnell von Vorgaben beeinflussen, die Quoten oder Radiotauglichkeit beinhalten. Dies versuche ich beim Komponieren und Texten von Vornherein auszuklammern. Im Vordergrund steht der Song, und das was dabei herauskommt, das ist es dann einfach. :) Egal ob es radiotauglich ist oder nicht. Wenn es zufällig wirklich radiotauglich ist, dann Halleluja :)

hitparade.ch: Wohin führt eure neue Tour?
Egon: Wir verknüpfen das mit den Terminen, die aufgrund des Album-Releases anfallen. Wir haben uns bewusst auch eine kleine Auszeit genommen, damit wir uns voll und ganz auf den Release konzentrieren können. Aber wir haben natürlich schon einige Konzerte bei uns im Köcher. Die sind einfach noch nicht spruchreif. Auch Festivals und Open Airs sind wieder ein Thema.

hitparade.ch: Ihr seid ja bereits mit dem ersten Album in die European World Music Charts eingestiegen. Denkt ihr, dass euch dies dazu verhilft, noch etwas bekannter zu werden mit dem neuen Album?
Egon: Ich glaube schon, denn diese Plattform ist gut und die Menschen zeigen bereits grosses Interesse am neuen Album. Da ist einiges im Gange. Im Januar/Februar wird es auch eine internationale Bemusterung geben. Diese Bemusterung wird nicht nur von sämtlichen europäischen Ländern, sondern auch von der USA durchgeführt. Dies war ja so frappant beim ersten Album. Wir waren damals überrascht, welche internationale Präsenz das Ganze hatte. Da wurde unsere Musik auf irgendwelchen Radiokanälen gespielt, die wir uns nie zu erträumen gewagt hätten. Ich gehe jetzt davon aus, dass es diesmal in eine ähnliche Richtung verlaufen wird.

hitparade.ch: Kommen wir zur Top 10 der Schweizer Hitparade. Kannst du sie mir kommentieren?

9. Bligg - Musig i dä Schwiiz
Egon: Sagt mir sehr viel. Bligg trifft genau meinen Nerv. Und zwar deswegen, weil auch er etwas macht, das ein Spannungsfeld erzeugt. Er vermischt Volksmusik mit Rap und Hip Hop, obwohl diese beiden Richtungen nicht in eine gemeinsame Schublade passen. Das ist genial, das finde ich super.

8. T.I. feat. Rihanna - Live Your Life
Egon: Ich finde, sie ist ein bisschen ein Kunstprodukt. Als Produzent und Studioinhaber weiss ich ungefähr, wie sowas gemacht wird. Es ist eine getunte Geschichte, es ist für mich ein bisschen Plastik.

6. Bligg - Rosalie
Egon: Bei dem Song hats ein wunderschönes Akkordeon drin. Gefällt mir sehr gut.

5. Beyoncé - If I Were A Boy
Egon: Eine geniale Sängerin, die ich seit geraumer Zeit bewundere. Audiomässig als auch visuell. Und doch ist es mir teilweise zu stark konstruiert und Plastik. In einem unserer Songs wird sie sogar zitiert. In "Ready Made", da geht es um plastifizierte Models und Hollywood, was mir nicht so entspricht.

4. P!nk - So What?
Egon: Sie ist eine Powerfrau und eine Person, die ich menschlich und auch musikalisch viel eher akzeptieren kann. Sie ist einfach ehrlich mit ihrer Musik und mit dem, was sie sagt.

3. Britney Spears - Womanizer
Egon: Sie tut mir total leid mit dem was sie durchmachen muss. Mit all diesen Problemen, die sie sich aber grösstenteils auch selber macht, denke ich. Aber eigentlich ist sie eine gute Performerin die gut singen und gut tanzen kann.

2. Kate Perry - Hot N Cold
Egon: Gefällt mir sehr gut.

1. Jodlerclub Wiesenberg & Francine Jordi - S'Feyr vo dr Sehnsucht
Egon: Soll ich da jetzt meine ehrliche Meinung dazu abgeben? Für mich als Fan von ehrlicher und authentisch gemachter Volksmusik ist dieser Song leidergottes auch Plastik. Und zwar deswegen, weil es so getunt gemacht worden ist. So singt kein Jodlerclub! Man hört ganz genau, dass jede einzelne Stimme mit dem Tune-Gerät genau gepitcht worden ist - es klingt viel zu gerade und für mich daher zu unnatürlich.


Linktipps:
Höre ins neue Album "The Gypsy R-Evolution" rein - 5 signierte CDs zu gewinnen!
Offizielle Seite

Australien Belgien Dänemark Deutschland Finnland Frankreich Italien Neuseeland Niederlande Norwegen Österreich Portugal Schweden Spanien Suisse Romande
english
LOGIN
PASSWORT
Passwort vergessen?