INTERVIEW MIT ANNENMAYKANTEREIT



AnnenMayKantereit - Alles nix Konkretes
1. Oft gefragt
2. Pocahontas
3. Es geht mir gut
4. 3. Stock
5. Wohin Du gehst
6. Mir wär' lieber, Du weinst
7. Bitte bleib
8. Neues Zimmer
9. Barfuß am Klavier
10. 21, 22, 23
11. Länger bleiben
12. Das Krokodil
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„Wir wollen auf der Bühne glücklich sein!“

AnnenMayKantereit haben als Strassenmusiker zueinander gefunden. Inzwischen gehören die vier Jungs längst zur Elite der deutschen Bands. Mit "Oft gefragt" haben sie einen Radio-Ohrwurm kreiert, der eingängig und tiefschürfend ist. Am 18. März erschien das langersehnte Album "Alles nix Konkretes". Wir haben die Band zum Interview getroffen.

Was zeichnet Eure Musik aus?
Ich denke, uns zeichnet aus, dass die Musik nachvollziehbar ist. Dass man hört, wo die einzelnen Sounds herkommen. Unsere Musik besteht aus bodenständigen Instrumenten wie Gitarre, Klavier, Schlagzeug… Nichts Elektronisches aus dem Synthesizer ist dabei. Man kann alles zuordnen.
Dazu kommt, dass wir die Lieder selber schreiben. Klingt banal, aber ist nicht selbstverständlich, wenn man sich andere Künstler ansieht, die in den Charts vertreten sind. Wir stehen mit unseren Gefühlen auf der Bühne und nicht mit Gefühlen, die uns ein anderer auf den Leib geschrieben hat. Und ich würde sagen, dass die Art, wie wir die Bühne geniessen, uns auch von anderen Bands unterscheidet. Uns ist immer sehr wichtig, dass wir für uns ein schönes Konzert haben. Uns geht es darum, zusammen Musik zu machen und gemeinsam Spass zu haben. Es geht nicht darum, irgendwelche Leute glücklich zu machen. Wir vier wollen glücklich sein. Auch wenn's egoistisch klingt.

Seid Ihr an Live-Gigs auch mal spontan und spielt etwas, was nicht geplant war? Oder sind die Konzerte strikt durchorganisiert?
Kommt immer auf die Verfassung und Stimmung an. Wir sind schon ab und zu spontan und improvisieren auch mal etwas, wenn's passt. Dann spielen wir manchmal Song-Ideen live, die noch gar nicht fertig sind. Einfach, um das mal auszuprobieren. Und das darf auch mal in die Hose gehen (lacht). Das ist unser Weg, neue Ideen und Wege auszutesten. Da kommt auch Adrenalin dazu. So sind auch vorher schon Songs entstanden.
Auch bei Ansagen sind wir spontan. Wir stellen uns zwar immer auf die gleiche Art und Weise vor – das kann man sich ja auch nicht jedes Mal neu ausdenken. Aber so entstehen unterschiedliche Konzerte. Mal sind die Ansagen lustig, manchmal sagen wir nicht so viel. Kommt auf die Stimmung an. Auch die Setlist sprechen wir vor jedem Konzert nochmals neu ab. Natürlich spielen wir oft mehrere Konzerte nacheinander mit der gleichen Setlist, denn es gibt Abfolgen, die uns sehr gefallen. Aber wir ändern regelmässig wieder mal etwas. Wir wollen alles ausprobieren.

Henning, Deine Stimme ist ja auch ein ziemliches Markenzeichen Eurer Musik. Du bist so jung und hast die totale Whisky-Stimme!
Ja, ich denke, die Leute erkennen uns dadurch wieder. Das kann man nicht abstreiten. Die Stimme ist etwas Wesentliches bei einer Band. Ich finde Bands mit schlechten Lead-Sängern einfach schlecht. Auch wenn die Musiker drumherum noch so gut sind. Meine Stimme unterscheidet sich von anderen Stimmen und wir geniessen diesen Vorteil natürlich. Das ist mit einer Gitarre nicht möglich, weil die Gitarre nunmal kein Körperteil ist. Wenn man genau hinhört, glaube ich, könnte man auch ohne meine Stimme unsere Musik von derer anderer Bands unterscheiden. Das ist uns wichtig.

Ihr macht seit drei Jahren keine Strassenmusik mehr. Seid Ihr jetzt zu berühmt dafür?
Wir wertschätzen das sehr, dass wir als Strassenmusiker erfolgreich waren und es hat uns auch geholfen. Aber wir müssen immer betonen, dass wir keine Strassenmusiker mehr sind. Es liegt schlicht nicht mehr drin. Es war eine schöne Sache, aber die Zeiten sind vorbei. Wenn Du wie wir letztes Jahr 120 Konzerte spielst, dann machst Du keine Strassenmusik mehr. Dann hast Du A keine Kraft mehr dafür und B keinen Bock. Wir stellen uns nicht mehr in der Kälte in eine Einkaufsstrasse. Das hat auch etwas mit Schonen zu tun. Ich würde gern die nächsten 20 Jahre singen können. Bei Strassenmusik muss man brüllen.
Dazu kommt, dass wir als Strassenmusiker viel gejammt und improvisiert haben, wir haben Covers gesungen und auch in Englisch. Unsere Inhalte haben sich inzwischen verändert. Wir machen jetzt Musik, bei der man aktiv zuhört. Das würde nicht mehr funktionieren. Wenn die Inhalte persönlicher werden, möchte man dies auch in einem angemessenen Rahmen präsentieren. Ich möchte nicht von meinem alleinerziehenden Vater auf der Strasse singen und merken, dass mir ja eh keiner zuhört. Wenn ich aber auf einem Konzert über ein emotionales Thema singe, dann fühlt sich das gut an, weil ich das Gefühl habe, gehört zu werden. Das ist etwas ganz Wesentliches, wenn man Musik macht.

Schreibst Du deswegen die Texte auf Deutsch?
Der Grund, warum ich auf Deutsch singe, ist der, dass ich Deutsch spreche. Ich kann zwar Englisch, aber das bedeutet nicht, dass ich auch gut auf Englisch schreiben kann. Ich habe jedenfalls noch nie etwas Gutes auf Englisch geschrieben. Man nutzt das, was man hat. Ich finde, dass Deutsch eine schöne Sprache sein kann zum Singen. Wenn Du Englisch singst, ist Deine Stimme eher ein Instrument. Auf Deutsch ist es mehr Inhalt.

Viele verstecken sich ja hinter einer Fremdsprache…
Ja, das glaube ich auch. Das ist oft ein Versteckspiel, damit man seine Gefühle nicht allzu deutlich vor der Welt offenbaren muss. Die finden vielleicht keinen Zugang in der Muttersprache.

Das Album ist draussen! Wie ist es entstanden?
Das Album ist live eingespielt worden. Wir haben mit Moses Schneider zusammengearbeitet. Das war super, der hat viel Live-Erfahrung.
Wir bemühen uns auch immer, den Songs jeweils ein eigenes Gesicht zu geben. Wir kennen das von anderen Künstlern, dass man mit der Zeit das Gefühl hat, alle Songs klingen irgendwie gleich. Das wollten wir verhindern. Und so kommt jedes Lied mit seiner eigenen Facette daher. Musikalisch und auch inhaltlich. Es dreht sich bei uns nicht alles um die Liebe, auch wenn uns dies oft nachgesagt wird. Wir haben langsamere Songs wie "Oft gefragt", oder Rockiges wie "Es geht mir gut". "Pocahontas" geht in eine folkigere Richtung und "Barfuß am Klavier" ist wiederum eine reine Piano-Ballade. In der Mitte ist mein persönliches Highlight: "Bitte bleib". Das klingt bluesig. Es ist wirklich alles dabei. Und das gefällt uns so daran.

Ihr seid alle sehr jung. Aber Ihr singt über Themen, die klingen, als hättet Ihr eine unglaubliche Lebenserfahrung. Es ist beeindruckend, wie Ihr Euch ausdrückt in diesen jungen Jahren. Wie kommt das?
Die Texte sind alle sehr persönlich. Ich habe nicht mehr Lebenserfahrung als andere. Aber ich glaube, ich kann das ganz gut versprachlichen, was ich erlebe. Das ist es, was den Ausschlag gibt. Ich glaube, wir lassen uns einfach gerne von unseren eigenen Erfahrungen beleben und berühren. Diese zu Papier zu bringen und nach aussen zu lassen, heisst aber nicht, dass man anderen etwas beibringen will. Wir singen das für uns. Und das hat für uns eine immense Bedeutung. Ein Text ist auch erst dann gut, wenn wir alle vier ihn gut finden. Am Anfang ist es nur ein Text. Erst, wenn wir ihn mit Musik verknüpfen, wird daraus ein Song-Text. Ich schreibe den Grossteil der Texte, aber die Songs schreiben wir alle zusammen. Das ist eine sensible Übereinkunft.

Wie sieht denn zurzeit Euer Alltag aus?
Auf Tour steht man so um zehn Uhr auf. Dann geht's zum Club, hat Soundcheck, probt nochmals etwas und spielt dann das Konzert. Wenn wir zuhause sind, kommen Dinge wie Interviews oder Proben. Es gibt immer so Phasen. Wir haben keinen Job, wo man immer wieder das Gleiche macht. Es kommt auf die Phase an. Auch die Studiophase ist wieder speziell. Manchmal hat man auch mal einen Durchhänger, an anderen Tagen sprüht man vor Energie. So, wie das wohl bei allen ist. Und manchmal erleben wir etwas Besonderes und können einen Tag in Zürich verbringen – so wie heute. Wir sind mit dem Nachtzug hergefahren. Das haben wir uns alle sehr romantisch vorgestellt. Wir haben aber alle nicht geschlafen. Wichtig sind die persönlichen Rituale. Essen ist etwas Wichtiges. Ab und zu zocken wir einfach mal eine Runde PlayStation. Man muss sich auch mal seinen eigenen Alltag bauen können.

Ihr lasst Euch in keine Schublade stecken. Wie kam es denn zur Zusammenarbeit mit K.I.Z.? Die machen ja wirklich etwas völlig anderes als Ihr!
Sie hatten dieses Lied und hatten sich jemanden gewünscht, der den Refrain singt. Sie suchten nach einer Stimme, die sich von anderen unterscheidet. Die haben uns dann auf einem Festival gehört, fanden meine Stimme gut und haben mich eingeladen. Wir haben uns beschnüffelt und geguckt, ob wir uns cool finden. Diese Band ist noch schwieriger einzuschätzen als wir. Wir entwerfen ja keine Kunstfigur. K.I.Z. schon! Die Menschen sind anders, als sie sich auf der Bühne darstellen. Das hat mich interessiert. Ich fand die sympathisch und dann haben wir das ausprobiert. Und es hat einfach toll zusammengepasst! Wir haben zusammen Rotkäppchen-Sekt getrunken und verstanden uns gut. So einfach ist das.

Ihr kommt diesen Sommer für mehrere Open Airs in die Schweiz. Worauf freut Ihr Euch am meisten?
Auf das gute Essen. Aber vor allem freuen wir uns auf das St. Gallen Open Air. Da spielt Radiohead drei Spots nach uns. Unglaublich! Wenn wir auf der Bühne stehen werden, ist dann bereits alles für Radiohead abgeklebt. Da wird stehen "Tom Yorke". Und ich werde da stehen! Mannomann! Das wird der Hammer!
Interview durchgeführt: Stella Nera
Redaktion: Stella Nera



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