Interview mit Dabu Fantastic"Ich wollte immer Polo Hofer werden"
04.06.2024
hitparade.ch: Euer neues Album spricht vielen aus dem Herzen, da es Themen anspricht, die die meisten Menschen aus ihrem eigenen Leben kennen. In eurer Insta-Story habt ihr mehrere Feedbacks veröffentlicht von Personen, die die Songs als heilend empfinden oder sich selbst erkennen und verstanden fühlen. Seid ihr solche Feedbacks gewohnt von euren Alben oder ist es dieses Mal extremer?
Dabu: Diese Art von Feedbacks hat in den letzten zwei, drei Jahren zugenommen. Dafür gabs verschiedene Auslöser. "Sing meinen Song" ist ein Format, bei dem man sich sehr öffnet. Die Kampagne zu "So Easy" und den dazugehörigen Dokfilm hat auch viel ausgelöst. Und ich denke, dass auch unsere Art, Konzerte zu spielen, stark dazu beigetragen hat. Das hat sich sehr verändert. Ich habe den Eindruck, dass das Publikum verstärkt auf die Texte achtet und sie ernster nimmt als früher. Die Menschen hören die Songs achtsamer und beziehen sie auf sich selbst. DJ Arts: Der ganze Ursprung von all dem ist wohl, dass wir uns einfach auch selbst verändert haben. Das spürt man in den Songs und auch in unserem Auftreten. Die Leute reagieren anders darauf und trauen sich wohl auch mehr, ihre Emotionen mit uns zu teilen. Früher hielten sie uns vielleicht für zu cool, oder so. Heute sind wir viel nahbarer.
hitparade.ch: Und Social Media machts nochmals einfacher. Man kann euch halt einfach direkt eine Nachricht schicken.
Dabu: Ja, das kommt natürlich dazu. Es haben auch schon wieder sehr viel mehr Menschen Instagram als noch vor ein paar Jahren. Es gibt aber auch Mails und sogar handgeschriebene Briefe. Das finden wir natürlich toll und suchen das auch. Es war für uns schon immer wichtig, was das Publikum denkt und fühlt - und das haben wir auch schon immer so kommuniziert. hitparade.ch: Dabu, dein Leben hat sich ja massiv verändert. Du hattest eine Sinnkrise, dann hast du dich von deiner langjährigen Partnerin getrennt, eine euphorische Liebe zu einer neuen Frau erlebt und bist von Zürich nach Bern mit ihr zusammengezogen. Innerhalb sehr kurzer Zeit ist viel passiert. Ist das Album eine Art öffentliche Verarbeitung?
Dabu: Es ist natürlich nicht zum ersten Mal so, dass die Musik mir geholfen hat, Gefühle zu ordnen. Ich schreibe seit 30 Jahren eigene Songtexte. Die ersten Versuche gabs mit 13, mit 14 gabs den ersten vollständigen Song. Das ist ein Teil von mir und gehört zu meiner Bewältigungsstrategie. So gehe ich mit Dingen um. Es gab schon diverse Trennungen in meinem Leben und es war immer so, dass Musik da ein wichtiger Pfeiler war. Nur hat die Verarbeitung früher niemanden interessiert (lacht). Das "Disco Titanic"-Album ist auch ein Verarbeitungsalbum. Eigentlich ist es sehr verwandt mit "Ciao Baby, Ciao". Es war die Verarbeitung einer Trennung, als meine damalige Freundin fremdgegangen ist. Und auch da kam eine neue Liebe. Es steckt beides in "Disco Titanic" drin. Das Ding ging damals auf Platz 77 der Schweizer Hitparade. Aber auch nur, weil wir selbst in den Ex Libris gegangen sind mit all unseren Freund:innen und das Album gekauft haben (lacht). DJ Arts: Wobei das damals wahrscheinlich ähnlich viele CDs waren für Platz 77, wie es sie heute für Platz zwei braucht (lacht).
hitparade.ch: Und heute interessiert die Fans nicht mehr nur die Musik, sondern auch den Menschen und die Geschichte hinter den Songs...
Dabu: Das ist wirklich neu. Das Interesse an uns als Band und an mir als Person hat stark zugenommen. Deswegen ist diese Bewältigungsstrategie so stark in der Öffentlichkeit. Das war bei "Disco Titanic" noch nicht so. hitparade.ch: Ist dir denn überhaupt wohl dabei?
Dabu: Lustigerweise habe ich davor keine Angst. Ich habe manchmal etwas Bauchweh, bevor ich die Songs DJ Arts und Gianluca zeige. Das ist die erste Hürde. Da weiss ich aber, dass unsere Freundschaft schon so lange und gut ist, dass sie mich dabei ernst nehmen. Wenn diese Hürde geschafft ist, fühlt sich das für mich schon ein wenig so an, als wäre der Song draussen. Was danach kommt, ist nicht mehr so krass. hitparade.ch: Also ist es nicht zu persönlich?
Dabu: Diesmal gab es eine Diskussion mit dem Manager, der gesagt hat: "Das ist einfach dein Shit. Es interessiert niemanden sonst, was du gerade in deinem Leben machst." Aber wir haben viele der Songs trotzdem durchgewunken und uns dabei auf unser Bauchgefühl verlassen, dass es eben doch interessiert. Was die Reaktionen des Publikums ja jetzt auch zeigen. Ich denke, wenn jemand aus seinem tiefsten Inneren heraus über seine Themen spricht oder schreibt, dann ist es authentisch und damit immer interessant für ein Publikum. hitparade.ch: Braucht es extreme Gefühle, um gute Texte zu schreiben? Man sagt doch, dass Menschen, die einfach glücklich und zufrieden sind, weniger inspiriert sind? Oder ist das nur ein Klischee?
DJ Arts: Ich schreibe zwar selbst keine Songs, aber unser Album ist ja der beste Gegenbeweis. Es ist ja beides vorhanden: traurige, ernste Songs, aber auch lebensbejahende und hoffnungsvolle Tracks. Einige sind aus guter Laune heraus passiert - und die sind genauso gut wie jene, die im Tief entstanden sind. hitparade.ch: Bedeutet das, dass die Songs dem Mood entsprechen, den du während des Schreibens hattest?
Dabu: Es gibt Songs, die in sehr emotionalen Momenten entstanden sind. Beispielsweise "Flamme" oder "Ciao Baby, Ciao". Es hat aber auch Songs, die mit mehr Distanz entstanden sind. "Aline" zum Beispiel. Da habe ich mich bewusst in den Vibe begeben, der damals geherrscht hat. Das habe ich auch in den ganzen letzten Jahren so gemacht. Ich habe mich emotional zurückversetzt und Gefühle abgerufen, die teilweise nicht akut waren. Ich kann diese Aussage also nicht unterschreiben. Mir muss es nicht schlecht gehen, um emotionale Texte zu schreiben. Ausserdem: Bei mir gibt's ja noch depressive Verstimmungen. Die lähmen mich. Dann schreibe ich sowieso nichts. Ich schreibe lieber, wenn ich geerdet bin. Natürlich: "Ciao Baby, Ciao" ist wahrscheinlich ein Wurf. Und der ist in einer emotional sehr aufgeladenen Situation entstanden. Es gibt beides. hitparade.ch: In "Ciao, Baby, Ciao" fragst du dich, wie man sich "richtig" verabschieden kann von einem Menschen, der einem eigentlich noch nahe steht. Hast du eine Antwort darauf gefunden?
Dabu: Irgendwie schon. Ich war Gast beim Podcast "Öpis dSuufä und ä Gschicht" und dort hat der eine Moderator gesagt, er habe noch guten Kontakt zu seiner Ex. Also habe ich ihn gefragt, wie er das geschafft hat. Wie sagt man denn nun anständig Ciao? Und er meinte: "So wie Ritschi! Häbs guet u häb mi i dim Härz fescht." Das fand ich schön. Aber ich muss dazu sagen, dass ich die Antwort nicht wirklich suche. Die Frage alleine hat gereicht. hitparade.ch: Zum ersten Mal habt ihr ein Album komplett fremdproduzieren lassen und Thomas Fessler ins Boot geholt. Wie kam es zu diesem Entschluss? Woher wusstet ihr, dass er der Richtige dafür ist?
Dabu: Schritt eins war, dass wir unser letztes Album bei ihm aufgenommen haben. Er hat zwar nicht produziert, aber aufgenommen. DJ Arts: Wir wussten also schon, dass das mit ihm sehr gut funktioniert. Und irgendwann kam bei allen Beteiligten das Thema auf, dass es irgendwie geil wäre, wenn er als Produzent agieren würde. Es gab keinen Schlüsselmoment. Es war ein schleichender Prozess, der sich einfach richtig angefühlt hat. Das haben wir in den letzten Jahren, in denen wir gemeinsam Musik machen, gelernt: Sich hinzusetzen und einen klaren Plan zu schmieden, funktioniert meist weniger gut, als sich einfach auf seine Intuition zu verlassen und sich dem Flow hinzugeben.
hitparade.ch: Auf dem Album gibt es mehrere Featurings. Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Riana, DANA und Traktorkestar? Läuft so etwas auf privater Ebene, weil ihr die Leute cool findet, sucht ihr bewusst nach Stimmen oder Instrumenten, weil es genau diese Vibes für einen bestimmten Song braucht - oder haben gar die Labels etwas gedealt? :)
Dabu: Alles, was du gesagt hast, trifft zu (lacht). Wir haben bei unserem Kollabo-Album "So Easy Mitenand" gemerkt, dass es Leute gibt, mit denen es toll klappt, und dass es auch solche gibt, die sich gar nicht erst zurückmelden auf eine Anfrage. Bei DANA war's so: Für uns war klar, dass der Refrain von "Die fautsche Meitschi" Berndeutsch sein muss. "Meitli" ist im Zürideutschen entweder ein Kind oder eine abwertende Bezeichnung für eine Frau, während es im Berndeutschen eine schöne Bedeutung für eine Frau hat. Also haben wir nach weiblichen, berndeutschen Stimmen gesucht und Dana hat dieses Demo sehr geil gesungen. Wir haben uns gefreut, dass sie es gemacht hat, denn normalerweise singt sie nur Englisch. Bei Riana war es ein Mix aus "wir finden sie cool" und "das Label fragt zur richtigen Zeit an." Also haben wir uns entschieden, mit ihr diesen Song zu machen und sie direkt auf Tour mitzunehmen. So haben wir das beim letzten Album auch mit To Athena gemacht und das hat ihr einen Schub gegeben. Das ist die Dabu-Fördermassnahme für junge Künstlerinnen (lacht). Und ganz ehrlich: Diese Entscheidung war grossartig, denn so wie sie die zweite Strophe singt... sie killt den Song einfach. Das ist so geil. Nach dem Demo gab es keinerlei Zweifel mehr. DJ Arts: Ja und wir fanden sie wirklich schon vorher auch super. Sie ist so eine geile Sängerin. Das ist so speziell mit dem Appenzeller-Dialekt und der modernen Art zu singen. Diese Kombi ist einzigartig und berührt. Ihre Songs sind mega. Und wenn so jemand Ja sagt und einfach mit ins Boot steigt, ist das eine heftige Bereicherung.
hitparade.ch: Hat sie denn auch mitgetextet?
Dabu: Die Strophen, die sie singt, hat sie selbst geschrieben. Dieser Song ist ja in einer sehr heftigen, emotionalen Phase entstanden. Und ich habe mich mit Riana hingesetzt und ihr diese Geschichte erzählt. Dann kam sie mit sieben verschiedenen Vorschlägen für die Strophe. Und ich dachte mir: Sie muss auch eine solche Geschichte erlebt haben. Sonst könnte sie das doch niemals so fühlen. Aber sie hat verneint. Sie ist einfach wahnsinnig feinfühlig. hitparade.ch: Ein Song, der sehr heraussticht, ist "Nachem Chrieg". Ein Wahnsinns-Song, der durch die Mischung des Textes und der Horns unglaublich in die Tiefe geht. War das von Anfang an klar, dass dort Horns reinmüssen?
Dabu: Bei Traktorkestar war es so, dass wir bereits auf dem Demo Bläser hatten. Das waren selbst eingespielte Midis. Die sind in der ganzen Bearbeitungsphase des Songs immer geblieben und waren nicht mehr wegzudenken. Wir wollten für die Produktion nicht so Jazz-Schule-Sauberbläser, sondern wir wollten, dass es rumpelt. Also haben wir Traktorkestar gefragt. Und die haben diesen geilen Prolog noch dazugeschrieben. hitparade.ch: In "Mis Dehei" singst du, "Us eme Huus wird erscht es Dehei wenn mer's teilt". Und auch in "Frei sii" thematisierst du das Zusammenwohnen. Fühlst du dich mehr im Leben angekommen, seit du mit deiner Freundin zusammenlebst?
Dabu: Früher hätte mich das gestresst. Da wäre ich ausgebrochen. Es war gut, dass ich zuvor nie mit einer Frau zusammengelebt habe. Das hätte sich bis jetzt mit keiner Frau richtig angefühlt. Nicht wegen der Frauen, sondern aufgrund meiner Situation. Diesmal hat sich das aber richtig angefühlt. Ich war zwar am Anfang vom Vorschlag überrumpelt. Aber als ich darüber nachgedacht habe, kam keine Angst auf. Das hat mit dieser Frau zu tun, aber auch mit Bern. Ich wollte immer in Bern wohnen. Ich fühle Züri nicht mehr so fest wie früher. Und ich kanns auch nicht mehr so zahlen wie früher (lacht). Und natürlich liegt's daran, dass sich mein Mindset verändert und weiterentwickelt hat. Ich bin ready, mich zu binden. Sowas kann sich immer verändern, aber jetzt stimmt's. Auch musikalisch sind wir angekommen. Mit "So Easy" haben wir irgendwie unseren Platz in der Schweizer Musikszene gefunden. Das neue Album ist eine Fortsetzung davon. hitparade.ch: Man nimmt euch in den Medien stark wahr.
Dabu: Ja! Seit "So Easy" müssen wir nicht mehr um mediale Aufmerksamkeit kämpfen. Auch grosse Zeitungen schreiben über uns.DJ Arts: Wir müssen nicht mehr 15 Story-Ideen pitchen (lacht).
Dabu: Diese Aufmerksamkeit wollen wir ja auch. Ich hab immer gesagt, ich möchte Polo Hofer werden. Und da gehört Erfolg nunmal dazu. Und genau diese Situation führt auch dazu, dass ich Songs wie "Frei sii" schreiben kann, die sich einfach gut anfühlen.
hitparade.ch: In "Frei sii" singst du von deiner Lieblingsband aus Wien. Gehts da um den Song "LED go" von Bilderbuch? :)
Dabu: Yes (lacht). Bei ihm entstand die Zeile "Frei heisst auch alleine sein", als er mit dem Mofa durch Wien fuhr. Mir ist noch wichtig zu erwähnen: Es soll ermutigend sein für Menschen, die den Mut haben, zu bleiben. Ich wollte kein Trennungsalbum machen. Macht etwas, wenn ihr nicht glücklich seid! Aber wenn's gut ist, dann freut euch darüber. Bleiben und daheim sein ist was Wunderbares. Es kommt auch rüber, dass Veränderungen gut sein können.
Dabu: Ich find Veränderungen fast immer gut. Sie müssen aber nicht immer radikal sein. Das muss jeder selbst mit sich ausmachen, wie radikal eine Veränderung sein muss.
5 Quick-Fragen zum den neuen Songs
hitparade.ch: 1. Bei welchem Song hattest du den Text am schnellsten?
Dabu: "Die letschte drü Minute". Der Text war am schnellsten da und an dem hat sich auch später am wenigsten verändert.hitparade.ch: 2. Welcher Song hat sich von der ersten Skizze bis zum Endprodukt am stärksten verwandelt?
DJ Arts: "Die fautsche Meitschi" würd ich sagen. Der ist auch von der Entstehungsgeschichte her am ehesten so entstanden, wie wir früher Songs gemacht haben. Es war eher Arbeit als Intuition. Früher war das normal, bis wir das Motto eingeführt haben, dass wenn ein Song im Entstehungsprozess keinen Spass mehr macht, dass wir dann sofort aufhören. Das haben wir immer durchgezogen. Bei diesem Song gab's am ehesten kleine Hindernisse.Dabu: Umso geiler, dass der Song jetzt so Spass macht!
DJ Arts: Und wie! Der Song flutscht richtig und wir sind froh, haben wir die Zeit dafür investiert. Er knallt wie Sau (lacht).
hitparade.ch: 3. Welcher Song war der erste, der für's neue Album feststand?
DJ Arts: Es gab mehrere, die sofort klar waren. Dabu: "Ciao Baby, Ciao" war schnell klar. "Aline" war für uns auch klar. Für's Management aber nicht (lacht). "Die letschte drü Minute" war auch unbestritten ein Song für's Album.
DJ Arts: "Novämber" auch!
Dabu: Fast alle (lacht)
hitparade.ch: 4. Welcher Song ist als letztes entstanden?
Dabu: "Frei sii" und "Novämber".hitparade.ch: 5. Welcher Song wird live am meisten abgehen?
DJ Arts: "Aline" geht jetzt schon ziemlich ab, weil ihn die Leute bereits kennen. Aber bei den Showcases und den paar Sachen, die wir jetzt gemacht haben, hat sich gezeigt: "Nomol Sone Nacht", den die Leute noch nicht wirklich kennen, ist ein Live-Diamant. Dabu: Sexuelle Energie zieht einfach (lacht).
Interview durchgeführt:
Bettina Wyss-Siegwart (bezzy.music)
Bettina Wyss-Siegwart (bezzy.music)




