Interview mit Mia AegerterSanfte Töne voller Poesie: Das ist Mia Aegerter
02.06.2023
hitparade.ch: Es ist bereits Dein zweites Album auf Hochdeutsch. Wie hast Du die Entscheidung gefällt, dass das neue Album in dieser Sprache sein soll?
Mia Aegerter: In welcher Sprache ich singe, ist immer ein Bauchentscheid. Ich lebe in Berlin und spreche viel Deutsch. Auf der Reise mit meinem Mann habe ich mehrheitlich Englisch gesprochen und mit meinem kleinen Sohn rede ich Schweizer Mundart. Es fühlen sich daher alle Sprachen richtig und gut an. Da ich viele Songtexte für andere schreibe, bin ich es schon gewohnt, Lyrics auf Deutsch zu verfassen. Wenn ich für mich selbst texte, dann kann es sogar passieren, dass ich während des Songwritings hin- und herswitche, um die richtigen Worte zu finden. hitparade.ch: Deine Musik besticht durch Deine poetischen Texte. Wie lange sitzt Du an solchen Lyrics, bis sie so sind, wie Du es möchtest?
Mia Aegerter: Es gibt Sätze und Textpassagen, die einfach so aus mir herauskommen. Beispielsweise der Satz: "Mein Herz gehört mir schon lang nicht mehr, es rennt da draussen rum mit Dir", der war einfach da. Der Satz entstand, als ich noch schwanger war. Als mein Sohn in meinen Armen lag, da begriff ich erst, was dieser Satz wirklich bedeutet - und wie wahr er doch ist. Grundsätzlich aber feile ich sehr, sehr lange an meinen Texten. Fast schon pedantisch. Es kann passieren, dass ich kurz vor dem Mastering nochmals etwas ändere. Ich kann den ganzen Tag über einen Satz nachdenken.hitparade.ch: Wie stark fokussierst Du Dich auf die Lyrics, wenn Du Musik von anderen Künstler:innen hörst?
Mia Aegerter: Es ist eine Berufskrankheit. Es fällt mir schwer, Musik entspannt zu geniessen. Zumindest dann, wenn die Musik auf die Lyrics fokussiert ist. Ich höre da sehr genau hin. Das ist einfach in mir drin. hitparade.ch: Der Titel Deines Albums lautet "Bye Bye mein altes Ich". Von welchen Seiten verabschiedest Du Dich? Was möchtest Du hinter Dir lassen und was neu zelebrieren?
Mia Aegerter: Ich möchte einfach ein paar Dinge hinter mir lassen. Mit der Geburt meines Sohnes hat in meinem Leben eine neue Phase begonnen. Mir ist wichtig, dass ich ihm gute und positive Werte vorlebe. Beispielsweise habe ich mich immer schwergetan, Entscheidungen zu treffen. Ich möchte meinem Sohn beibringen, wie wichtig es ist, nach vorn zu schauen und das Positive zu sehen. Ich habe zudem eine Melancholie in mir, die ein Teil meiner Persönlichkeit ist. Das ist eigentlich nichts Schlimmes - aber ich möchte nicht dauernd grübeln. Ich möchte, wenn gewisse negative Gedanken oder Ängste aufkeimen, meine Gefühle in Dankbarkeit umwandeln. hitparade.ch: Wenn Du zurückdenkst an Dein erstes Album - was geht Dir da durch den Kopf? Wie fühlt es sich an - und was würdest Du der Mia Aegerter von damals sagen wollen?
Mia Aegerter: Mein erstes Album entstand voll aus dem Bauch heraus. Diese Euphorie und Leidenschaft, die es mir ermöglicht hat, mich freudestrahlend und sorglos hineinzustürzen, würde ich gerne wieder spüren. Natürlich hätte ich gewisse Entscheidungen anders treffen können. Aber grundsätzlich würde ich der Mia Aegerter von damals die Hand reichen und ihr sagen, dass sie alles gut gemacht hat. Dinge zu bereuen bringt niemanden weiter. Ich versuche in Frieden zu sein mit meiner Vergangenheit. hitparade.ch: Du hast eine Weile Texte für andere Musiker:innen geschrieben. Wie fühlt es sich an, persönliche Worte in die Münder anderer Menschen zu legen - und später fremde Stimmen zu hören, die Deine Worte singen? Und wie anders fühlt es sich an, für sich selbst zu schreiben?
Mia Aegerter: Themen, die nur mich selbst betreffen, behalte ich für meine eigenen Songs. Wenn ich mit anderen Künstler:innen arbeite, setze ich mich mit ihnen zusammen, versuche ihren Wortlaut aufzugreifen und ihre Geschichten so authentisch wie möglich zu erzählen. Das ist ein anderes Gefühl, als selbst in sich hineinzuhorchen. Dazu kommt, dass ich danach nichts mehr mit den Songs zu tun habe, da sich schliesslich andere darum kümmern. Bei mir selbst kommen dann noch Produktion, Artwork, Vermarktung und noch vieles mehr dazu, worüber ich mir Gedanken mache. Diese Songs lasse ich nicht einfach los. hitparade.ch: Denkst Du, man würde einen Signature-Style erkennen?
Mia Aegerter: Ich denke nicht. Wenn ich für Musiker:innen schreibe, die gerne einen Hit landen möchten, dann schreibe ich nicht so poetische Texte. Die sollten dann eher klar und knackig sein. Will man kommerziellen Erfolg, sollte man die Leute nicht mit zu viel Poesie überrennen. Mein Song "Das grosse Schmetterlingssterben" beispielsweise, würde als Pop-Hit nicht funktionieren. hitparade.ch: Zwei Songs des neuen Albums hast Du Deinem Sohn gewidmet. Sehr berührend. Wie emotional bist Du bei so persönlichen Themen, wenn Du die Songs aufnimmst oder live singst?
Mia Aegerter: Dadurch, dass meine Songs sehr persönlich sind, verlangt es schon viel von mir ab. Wenn ich vor Menschen performe, tauche ich nicht komplett ab - denn zu diesem Zeitpunkt habe ich mich wahrscheinlich bereits an das Gefühl gewöhnt, welches der Song bei mir auslöst. Aber beim Schreiben und Aufnehmen kann es schon passieren, dass mal ein Tränchen fliesst.hitparade.ch: Wie entstehen Deine Songs? Ich hab mal gelesen, die Texte sind immer zuerst da. Wie gehst Du an den Prozess der Melodie und Musik heran?
Mia Aegerter: Das ist unterschiedlich. Ich hänge mich da immer sehr hinein. In den meisten Fällen sind die Texte wirklich zuerst da. Die Gitarre schnappe ich mir erst, wenn ich ein paar Zeilen, oder einen Refrain, beieinander habe. In meinem Kopf höre ich dann relativ schnell, wie es am Ende klingen soll. hitparade.ch: Deine neuen Songs erinnern mich an Philipp Poisel. Welche Musik hat Dich schon immer inspiriert?
Mia Aegerter: Deutsche Musik höre ich nicht besonders oft. Philipp Poisel mag ich musikalisch aber sehr. Textlich inspiriert mich am ehesten Bosse. Den mag ich sehr. Ansonsten höre ich viel englische Musik. Indie Folk berührt mich. Dieser leicht melancholische Gitarrensound entspricht mir sehr.hitparade.ch: Deine Musik-Videos sind sehr künstlerisch und bleiben in Erinnerung. Schreibst Du da die Konzepte auch selber?
Mia Aegerter: Meistens ja. "Mein Herz gehört mir schon lang nicht mehr" habe ich beispielsweise komplett selbst gemacht. Als ich die Videos für mein Band-Projekt "Mia Myself & I" gemacht habe, habe ich vieles über Editing, Cutting und Color Grading gelernt. Damals machte ich mit meinem Partner eine Weltreise und habe zu jedem Land ein Video gemacht. Das Musik-Video zu "Aquamarin" habe ich aber in die Hände einer Künstlerin gelegt.
hitparade.ch: Du machst schon sehr lange Musik. Wie sehr hat sich in Deinen Augen die Musikszene, besonders in der Schweiz, verändert?
Mia Aegerter: Die neue Welt des Musik-Business bietet viele Möglichkeiten. Man kann viel mehr selbst machen und steuern. Nur schon in den letzten sechs Jahren hat sich unheimlich viel getan. Ich komme aus einer Zeit, da hat man Alben verkauft und es gab keine Streaming-Dienste. Ich musste viel lernen, um in diesem Streaming-Zeitalter mitmischen zu können. Die Verkäufe gehen extrem zurück. Ich denke, dass Merchandise immer wichtiger wird. Man muss Mehrwerte schaffen. Die Musik selbst ist nicht mehr der Mittelpunkt, obwohl es eigentlich nur um die Musik gehen sollte. Es muss noch einiges passieren, damit Musik wieder mehr Wertschätzung erlangt.Interview durchgeführt:
Bettina Wyss Siegwart
Bettina Wyss Siegwart
Redaktion:
Bettina Wyss Siegwart
Bettina Wyss Siegwart
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