Interview mit Büne Huber"Auf einmal war alles wieder da"
11.02.2022
hitparade.ch: Als klar war, dass Ihr für MTV Unplugged spielen werdet, musstest Du eine Song-Auswahl treffen. Wie bist Du da herangegangen?
Büne Huber: Im Januar 2021 haben wir damit angefangen. Da waren Disu Gmünder, Ändu Hug, Daniel Woodtli und ich, und wir haben eine Vorauswahl getroffen. Mit 54 Songs sind wir ins Rennen gegangen. Wir haben einfach geschaut, welche Songs uns für diese Kiste reizen würden. hitparade.ch: Gab es auch Vorgaben von MTV?
Büne Huber: Ja! Wir durften keine Nischen-Songs nehmen, die nur wenige Leute kennen. MTV Unplugged heisst, es muss ein Hit-Programm sein. Da kommt man nicht drum herum. W.Nuss, Scharlachrot, Gummiboum, Trybguet, Bälpmoos, Ludmilla und Fischer standen daher also fest. Wir machten uns also ans Werk, um die restlichen Songs festzulegen - und im Sommer hatten wir noch immer 20 Songs zu viel auf der Liste. Da killt man schon einige Darlings, das muss ich sagen. Es war eine sehr herausfordernde Arbeit für mich. Auf der anderen Seite hat es uns viele Möglichkeiten eröffnet. Aufgrund der Corona-Situation konnten wir uns sehr viel Zeit nehmen. hitparade.ch: Wie sind denn die neuen Versionen entstanden?
Büne Huber: Die Songs mussten ja nicht neu geschrieben werden. Vieles konnten wir uns einfach erspielen. Obschon: Interessant war, dass wir in den ersten paar Proben keinen Ton gespielt haben. Wir haben uns einfach nur unterhalten. Wir haben über die zahlreichen Geschichten gesprochen. Wenn Du einen Song von 1988 ausgräbst, dann gehst Du auch innerlich sehr weit zurück. Es waren andere Zeiten. Andere Gefühle. Wenn man sich das vergegenwärtigt, versteht man auf einmal so vieles. Warum ist Bälpmoos entstanden? Warum ist Scharlachrot entstanden? Das weiss man zwar inhaltlich. Aber jeder Song hat einen "Götti". Bei jedem Song gibt es einen eindeutigen Bezug, wie das Klangbild geprägt worden ist. Und solche Sachen vergisst man unterwegs. Wenn man so lange unterwegs ist wie wir, verwässern gewisse Erinnerungen. Auf einmal war alles wieder da. Es war grossartig, sich wieder damit zu beschäftigen. hitparade.ch: Konntest Du denn neue Gefühle an alte Songs anknüpfen?
Büne Huber: Was soll ich sagen. Stell Dir vor: Die Frau, für die ich damals Scharlachrot geschrieben habe, war 13 Jahre lang an keinem Patent Ochsner-Konzert mehr. So verändern sich die Gefühle in Bezug auf einen Song natürlich, wenn man sich zurückerinnert an den Beginn. Und beim MTV-Konzert war sie dann dabei. Das hat mich unglaublich gerührt. Es war so viel Versöhnung in diesem ganzen Projekt drin. Zumindest für mich persönlich. Es gibt so viele Geschichten, die mir nicht gefallen und an die ich nicht gerne denke. Und in einem solchen Projekt wird man damit konfrontiert. Es hat etwas Abrundendes. Es hat gutgetan.hitparade.ch: Gab es denn auch Songs, die Du gerne mit ins Programm genommen hättest – jedoch entstand keine Unplugged-Version, die Dich erfüllt hätte?
Büne Huber: Ja. Es gab sogar mehr solche Momente als andersherum. Man scheitert oft in solchen Situationen. Nur als Beispiel: Wir waren an einem dieser Tage in dieser Baracke am Arbeiten, und es gelang uns einfach nichts. Wir hatten keinen Zugriff auf die Materie, wir brachten absolut nichts zustande. Und in diesem Moment kam Christian Siegenthaler herein und erzählte uns, dass wir den "Outstanding Achievement Award" der Swiss Music Awards gewonnen hätten. Und wir schauten uns an und dachten alle: Das haben wir gar nicht verdient, wir sind solche Pfeifen (lacht). Musik ist mehr Scheitern als Erfolg. hitparade.ch: Habt Ihr zu viert die kompletten Arrangements gemacht? Oder entstanden Background-Chörli oder sonstige Dinge erst, als alle 14 Musiker:innen miteinander gespielt haben?
Büne Huber: Die ganze Sache blieb ein Prozess. Dennoch: Ochsners waren noch nie derart auskomponiert wie jetzt. Die Umstände zwangen uns dazu. Wir wussten, wir würden es nur zwei Mal spielen. Es musste sofort sitzen. Nicht wie bei einer Tour, wo man sich von Konzert zu Konzert weiter optimiert. Man darf es nicht vergeigen. Obschon: Ich habe Bälpmoos am ersten Abend radikal verschissen. Der Druck steigt natürlich. Und auch wenn MTV sagt, man könne einen Song ja am Ende des Konzerts wiederholen, wenn er misslingt – diesen Studio-Bschiss wollte ich einfach nicht. Ich wollte knallhart auf Risiko spielen. Auch wenn ich die Idee am zweiten Abend bei Bälpmoos nicht mehr ganz so lustig fand. Da war ich dann schon angespannt. Das war einer der wichtigsten Songs für mich.hitparade.ch: Aber konntest Du die Kameras einigermassen vergessen, als Du auf der Bühne warst?
Büne Huber: Ich dachte erst, dass das unmöglich sei. Aber kaum waren wir in dieser Live-Situation, habe ich die Kameras ausgeblendet. Erstaunlich. Man ist mitten in den Songs, mitten in der Band. Auch wenn mich anfangs irritierte, dass die Leute sassen. Ich bin normalerweise nicht im Sitz-Modus bei der Musik. hitparade.ch: Ich hatte zumindest den Eindruck, dass es der Stimmung gar keinen Abbruch getan hat. Als Du herauskamst, war die Spannung im Raum unglaublich. Und als Du den Hut gelüftet hast, explodierte die Menge.
Büne Huber: Ja, und das hat uns alle überrascht. Wir hatten alle mehr etwas Konzertantes erwartet. Sitzendes Publikum, alles schön artig. Und als ich dann auf die Bühne kam, ist eine Wucht durch diesen Raum gegangen, die mich umgehauen hat. Ich vermute, das hatte auch ein wenig mit Corona zu tun. Man spürte förmlich, wie die Menschen sich einfach freuten, dass endlich einmal wieder etwas passiert. Ein Moment der Befreiung nach so langer Zeit.hitparade.ch: Du hattest illustre Gäste auf der Bühne: Sophie Hunger, Heidi Happy, Olombelo Ricky, Mimmo Locasciulli, Daniela Sarda und Andreas Schaerer. War für Dich schnell klar, wen Du einladen möchtest?
Büne Huber: Ja, es war sehr schnell klar, dass wir Gäste haben möchten, zu denen wir einen tiefen, inhaltlichen Bezug haben. Sven Regener und Stephan Eicher hätte ich auch gerne eingeladen. Leider konnten die Beiden nicht. Heidi Happy war für mich absolut klar, dass sie dabei sein muss, Sophie Hunger auch. Daniela Sarda auch. Eigentlich alle (lacht). Andreas Schaerer war klar, denn ein Jahr zuvor wollten wir ein Zermatt Unplugged machen, wo er als Stimmenakrobat mit dabei gewesen wäre. Corona machte diesem Plan einen Strich durch die Rechnung. Dafür war klar, dass er bei MTV Unplugged dabei sein muss. hitparade.ch: Bei den Gästen hat MTV also nicht mitbestimmt?
Büne Huber: MTV hatte Vorschläge gemacht. Aber die kamen mit richtig grossen Namen daher. Nick Cave. Patti Smith. Das hätte mich ja gefreut. Aber die kommen doch nicht für zwei Songs nach Bern. Also, ich finde, wir hatten absolut die richtigen Menschen da auf der Bühne. Es war eine Herzensangelegenheit.hitparade.ch: Der Song "Durscht & Hunger" mit Heidi Happy: Ist diese neue Single mit ihr als Featuring durch die MTV-Show entstanden, oder war dieses Featuring ohnehin geplant?
Büne Huber: Der Song war bereits vor MTV Unplugged da. Der war eigentlich für's nächste Album geplant. Es war aber ein Teil der Hausordnung, dass mindestens zwei neue Songs im Programm sein müssen. Es lag dann sehr schnell auf der Hand, dass ich den mit Heidi Happy machen möchte. Während des Schreibens hatte ich das zwar noch nicht im Kopf – ich glaube aber, das wäre mir spätestens bei den Aufnahmen in den Sinn gekommen, dass ihre Stimme zu diesem Song gehört. hitparade.ch: War "Öb's Chatze haglet oder Söihüng schneit" am Ende geplant, oder passierte das aus einer spontanen Laune heraus?
Büne Huber: Das war spontan (lacht).hitparade.ch: Endlich ist das Werk da. Auch auf Blu-ray. Wart Ihr bei der Video-Produktion auch involviert?
Büne Huber: Der engste Kreis hat einen Rohschnitt schauen dürfen. Wir haben uns aufgeschrieben, was uns auffällt. Es gab einige Momente, bei denen wir mitgeredet haben. Wenn beispielsweise Christian Brantschen ein Piano-Solo spielte, die Kamera jedoch nicht bei ihm war, wollten wir das geändert haben. Es war sowieso eine ziemliche Herausforderung, das alles einzufangen. Bei 14 Musikern auf der Bühne hätte man viel mehr Kameras gebraucht. hitparade.ch: Jetzt geht es auf die MTV-Unplugged-Live-Tour. Wird die genau gleich wie bei den Aufnahmen? Oder anders?
Büne Huber: Genau gleich. Ausser dass die Einzelgäste nicht mit dabei sind. Heidi, Daniela und Andreas sind natürlich dabei. Und den Song "Annaluna" mit Mimmo mache ich nicht. Weil in meiner Version heisst der Song "Hannahluna" und bezieht sich auf meine Tochter. Diesen Song möchte ich noch nicht zeigen. Der soll auf's nächste Album. Der ist mir sehr wichtig – den will ich noch nicht offenbaren. Das kommt alles noch.Interview durchgeführt:
Bettina Wyss-Siegwart
Bettina Wyss-Siegwart
Redaktion:
Bettina Wyss-Siegwart
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