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Interview mit Stress
"Reine Unterhaltung ist einfach nicht mein Ding"

25.02.2022
Stress hat nach einer schwierigen Zeit die Farben in seinem Leben wiederentdeckt - und sie direkt in ein neues Album gepackt. "Libertad" ist abwechslungsreich, lebending und tiefgehend. Im Interview mit hitparade.ch betont der grösste Schweizer Rapper, wie wichtig ihm Emotionen und echte Statements sind.
hitparade.ch: Du machst schon sehr lange Musik. Dein erstes Solo-Album erschien vor bald 20 Jahren. Wie hat sich das Musikbusiness in Deinen Augen verändert in der Schweiz? Was ist besser geworden, was schlechter?
Stress: Ich würde sagen, der Wert der Musik hat sich am stärksten verändert. Musik ist einfach überall und immer zugänglich. Heute hört man irgendwelche Random-Playlists. Eine andere Art von Lift-Musik, gemacht von Leuten mit Bärten, langen Haaren und Mützen (lacht). Im Ernst: Es ist doch wirklich so. Musik wird nicht mehr so wertgeschätzt, wie sie es verdient hätte. Daher ist es für die heutige junge Generation viel schwieriger geworden, Musik zu machen. Wenn man früher gesagt hat, man wolle eine Musik-Karriere starten und in der Schweiz von Musik leben, da glaubte man noch daran und hatte eine reelle Chance. Heute ist es ein Glückstreffer, wenn's klappt.

Stress feat. Prague Symphonic Ensemble – Libertad
Stress feat. Nacim – Bye
Stress feat. Lil Jana – Nightmare
Stress feat. Stefanie Heinzmann – Just Like I Love You
Animal asocial
Stress feat. Murphy – Pille
Stress feat. Argyle – Young
Enfants de la pluie
Bloc d l'Est
Stress feat. Karolyn – Pense à toi
Stress feat. Guè – Tiffany's
Yakasakipaye
Stress feat. Naomi Lareine & EAZ – All In
Kékra
hitparade.ch: Und wie sehr hast Du selbst Dich in diesen beiden Dekaden verändert?
Stress: Ich habe viel mehr Geduld als früher. Und auch mehr Distanz. Ich habe viel Energie - und heute weiss ich, wie ich diese Energie nutzen und managen kann. Ich weiss inzwischen auch, dass ich nicht zu emotional werden muss, wenn ich schlechte Kritiken lese. Früher hat man sich bei jeder negativen Zeile den Kopf zerbrochen. Dabei ist es doch die Basis von Kunst: Nicht jeder mag dich. Das ist ganz normal.

hitparade.ch: Dein neues Album "Libertad" erscheint am Freitag. Wer durfte die Scheibe als erstes hören?
Stress: Es waren viele Leute, die das neue Album früh hören durften. Der Grund: Wir hatten weit mehr als diese 14 Songs, die jetzt auf dem Album sind. Um ein objektives Urteil zu erhalten, haben wir Pre-Listening-Sessions mit verschieden Menschen gemacht. Ich wollte auf keinen Fall dieses Tunnel-Gefühl haben. Jeder Song soll eine klare Emotion vermitteln, und jeder Song sollte für sich stehen. Mir war wichtig, dass die Emotionen, die ich selbst bei den Songs habe, rüberkommen. So fiel es uns am Ende leichter, eine Auswahl zu treffen.

hitparade.ch: Wie fühlt sich so ein Release-Tag eigentlich für Dich an?
Stress: Ich bin immer sehr nervös. Es läuft aber auch viel: Man ist in der Promo-Phase, man arbeitet mit der Band, organisiert viel… Es ist einfach aufregend und stressig. Auf mich kommt ein richtiger Langlauf zu. Erst das Album, dann "Sing meinen Song", dann die Tour und im Herbst folgt schliesslich das Buch...

hitparade.ch: Oha! Deine Biografie?
Stress: Genau! Ich habe es gemeinsam mit Daniel Ryser geschrieben. Das hat sofort gematched zwischen uns. Ich glaube, das wird sehr interessant.

hitparade.ch: Dein neues Album ist sehr abwechslungsreich. Es hat schnelle Elektrobeats, es hat Hip Hop, es hat Balladen. Hast Du Dich bei diesem Album besonders ausgetobt?
Wir hatten immer bunte Alben. Das ist einfach mein Charakter. Das letzte Album entstand während meiner Depression und ich denke, man kann den Unterschied hören. Jetzt sind die Farben lebendiger. "Libertad" soll das Leben repräsentieren. Ich will nicht Vibe-Musik machen. Mir sind klare Botschaften sehr wichtig. Die Songs repräsentieren Momente meines Lebens. Dass dieses Album so stark lebt, ist vielleicht auch eine Reaktion von mir auf die letzten Monate und Jahre. Ich war während dieser Pandemie echt frustriert. Und da ich es nicht mag, wenn auf einem Album von A bis Z die gleiche Emotion zu spüren ist, kommt automatisch Abwechslung ins Spiel.

hitparade.ch: Es gab ja viel zu bewältigen. Die Trennung von Ronja, die Corona-Krise, die Abspaltung von Deinem Vater… Ist das alles in Deine Musik geflossen?
Stress: Oh ja! Da ist alles drin. Musik hat mir in meinen schwierigen Momenten immer sehr viel gegeben. Ich erhalte viele Messages, dass meine Musik auch anderen Menschen hilft. Das ist ein schönes Gefühl und ein tolles Kompliment. Ich kann mir nicht vorstellen, reine Unterhaltung zu machen. Das wäre absolut nichts für mich. Der Song "Enfants de la pluie" ist beispielsweise aufgrund der Situation mit meinem Vater entstanden. Ich hatte keinen echten Mann in meinem Leben. Dabei ist es so wichtig, sich an guten Menschen zu orientieren, wenn man aufwächst. Heute orientieren sich viele an Influencer:innen und Social Media. Das ist auch nicht unbedingt gut. Viele Familien sind eigentlich gar keine Familien. Dabei gibt es doch nichts wichtigeres, als ein guter Mensch zu werden. Es geht nicht darum, ob man Erfolg hat oder bekannt ist. Wenn ich einmal Vater werden sollte, dann wäre es mein höchstes Ziel, meinem Kind ein guter Vater zu sein. Auf diese Dinge wird manchmal zu wenig Wert gelegt, finde ich.

hitparade.ch: Ist es emotional für Dich, Deine eigene Musik zu hören, wenn Du weisst, warum sie entstanden ist und welche Gefühle drinstecken? Auch später noch?
Stress: Ja. Da ist "Enfants de la pluie" ein gutes Beispiel. Nachdem ich eine Weile mit anderen Songs beschäftigt war, hörte ich ihn mir wieder an… und ich dachte nur "Wow". Der fährt ein.

hitparade.ch: "Just Like I Love You" ist eine Zusammenarbeit mit Stefanie Heinzmann. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit? War das schon länger ein Wunsch?
Stress: Ich war 2019 am Open Air Gampel. Das war genau zur Zeit meiner Depression. Steffi und ich kennen uns sehr gut. Und damals hat sie mich zur Seite genommen und wir hatten eine stundenlange, wirklich gute Diskussion. Sie hat teilweise Ähnliches erlebt wie ich und so konnten wir eine wertvolle Unterhaltung führen. An diesem Abend entschieden wir, dass wir einen gemeinsamen Song machen wollen. Ich schrieb den Song "Just Like I Love You" mit Noah am Klavier. Dann kam sie ins Studio. Innerhalb von drei Stunden lieferte sie diese Powerlines ab. Die Frau ist unglaublich. Sie kann sofort umsetzen, was man ihr sagt. Aus Produzentensicht ist sie absolut Gold wert. Und auch sonst: Abgesehen von ihrer Wahnsinns-Stimme ist sie auch noch ein irrsinnig lieber Mensch. Ich habe mich in die Musik von Stefanie verliebt, als sie "My Man Is A Mean Man" sang. Und ich wollte unbedingt wieder diesen leichten Amy Winehouse-Groove von ihr hören. Auf keinen Fall zu poppig.

hitparade.ch: Mit Murphy ist ein Schweizerdeutscher Song auf dem Album. Habt Ihr den Text gemeinsam erarbeitet?
Murphy hat Texte geschrieben in diesem typischen Slang. Ich verstand kein Wort. Dabei verstehe ich sehr gut Schweizerdeutsch. Ich sagte ihm dann, er solle Texte schreiben, die auch "Frau Häberli aus Hinterpfupfigen" verstehen würde. Er solle klar und deutlich schreiben, was er sagen wolle. Dann schrieb er diesen Text. Da war die Botschaft. Klare Emotionen, die jeder versteht. Einfach grossartig.

hitparade.ch: Auch mit Naomi Lareine hast Du einen Song auf dem Album…
Stress: Genau. Sie war ja auf meinem letzten Album auch schon vertreten. Bei diesem Song wusste ich sofort, dass ihre Stimme da drauf muss. Sie war perfekt dafür.

hitparade.ch: Sie ist ja auch beim Tauschkonzert dabei. Das wird im März ausgestrahlt. Was war das eigentlich für eine Erfahrung für Dich?
Stress: Es war wirklich cool. Eine neue Challenge, die mich aus meiner Komfort-Zone drängte. Ich bekam das Feedback, dass ich gar nicht so schlecht singen würde - dabei mag ich meine Sing-Stimme gar nicht - und dass auch Schweizerdeutsch gut funktionieren würde. Es war schön, eigene neue Seiten zu entdecken, die man sich nicht zugetraut hat. Diese Sendung ist wirklich ein super Format.

hitparade.ch: Du hast Dich ja mit ganz unterschiedlichen Musikstilen auseinandergesetzt. War das alles irgendie kompatibel?
Stress: Musikalisch ist Melanie Oesch wohl am weitesten von mir entfernt. Aber interessanterweise haben wir als Charaktere sofort gematched. Wir sind uns sehr ähnlich, was unsere Wertvorstellungen betrifft. Sie hat mir gezeigt, wie krass schwierig es ist, zu jodeln. Ich habe viel Bewunderung für sie.

hitparade.ch: Nach der langen Durststrecke geht es endlich wieder auf die Bühne. Wie werden Deine Live-Konzerte aussehen?
Es wird eine Reihe Club-Konzerte geben, bevor es auf die grossen Festival-Bühnen geht. Diese Club-Konzerte sind mir sehr wichtig. Aufgrund der Pandemie habe ich beispielsweise meinen Gitarristen seit zwei Jahren nicht mehr gesehen. Wir müssen jetzt wieder dieses Band-Gefühl aufbauen. Ich habe es wahnsinnig vermisst. Doch auch wenn ich weiss, dass ich eigentlich für die Bühne gemacht bin und da ein Talent habe, bin ich auch immer wahnsinnig nervös. Immer kurz bevor es auf die Bühne geht, möchte ich am liebsten einfach nach Hause gehen und frage mich, wieso ich mir das antue. Sobald ich dann oben stehe, ist alles gut. Das Talent ist nicht nur ein Geschenk, sondern auch ein Fluch.

hitparade.ch: Worauf freust Du Dich denn am meisten?
Stress: Auf die Menschen. Auf die Beziehung mit dem Publikum. Auf echte Momente. In den letzten zwei Jahren war so viel nur noch digital möglich, dass ich es kaum erwarten kann, endlich in echte Gesichter zu schauen. Ich hoffe, dass die Leute jetzt wieder die kleinen Club-Konzerte besuchen. Die Künstler:innen brauchen nach dieser trostlosen Zeit unbedingt Unterstützung. Es geht hier nicht um mich. Diese Konzerte sind für die ganze Crew wichtig. Vom Schlagzeuger bis zum Bühnentechniker. Die haben alle nicht gewusst, ob sie von ihrer Leidenschaft weiter würden leben können. Deswegen ist es eine besondere Freude, jetzt auf Tour gehen zu können.
Interview durchgeführt:
Bettina Wyss-Siegwart
Redaktion:
Bettina Wyss-Siegwart

Linktipps:
Künstlerportal von Stress


Stress feat. Prague Symphonic Ensemble – Libertad
Stress feat. Nacim – Bye
Stress feat. Lil Jana – Nightmare
Stress feat. Stefanie Heinzmann – Just Like I Love You
Animal asocial
Stress feat. Murphy – Pille
Stress feat. Argyle – Young
Enfants de la pluie
Bloc d l'Est
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Stress feat. Guè – Tiffany's
Yakasakipaye
Stress feat. Naomi Lareine & EAZ – All In
Kékra